Lerntherapie Dr. Dina Beneken

Die Wahrheit: Rechtschreiben üben ist zäh und langwierig. Was Du trotzdem tun kannst.

von | Mrz 30, 2021 | Konzentration, Lernen, Motivation, Schreiben - Handschrift, Schreiben - richtig

Rechtschreiben üben – wenn es darum geht, werden die Gesichter oft lang. „Wir üben schon so lange, das bringt doch nichts.“ Hast Du diesen Satz schon mal gedacht? Wer mit Kindern Rechtschreiben übt, hat nicht selten Schwierigkeiten, dem Kind Fortschritte aufzuzeigen. Die Fehlerwörterkartei scheint immer größer statt kleiner zu werden, das Kind übt und übt und übt und trotzdem wimmelt das Heft von rot angestrichenen Rechtschreibfehlern.

Woran liegt das? Was kann ich tun? Das sind die beiden Fragen, mit denen sich dieser Blogbeitrag beschäftigt. Nicht zuletzt auch mit der Frage: Wie kann ich für mein Kind seine Erfolge sichtbar machen?

Die Rechtschreibfähigkeit basiert auf mehreren Säulen

Richtig Schreiben lernen und können ist ein Prozess. Um zu verstehen, warum sich dieser Prozess so lange zieht, brauchen wir einen kurzen Ausflug zu den Grundlagen: Was benötigt Dein Kind, um überhaupt ein stabiles Fundament für eine sichere Rechtschreibung zu haben?

  • Ein gutes Gehör: Dein Kind muss in der Lage sein, gehörte Laute in Zeichen umsetzen (Phoneme durch Grapheme ausdrücken, also beispielsweise das Phonem /m/ zu einem M oder m zu verschriftlichen) können. Dazu gehört auch, dass es diese Laute korrekt hört.
  • Das Werkzeug: eine flüssige und automatisierte Handschrift.
    Die Handschrift Deines Kindes ist sein Werkzeug. Dazu wiederum gehört neben einem passenden Schreibwerkzeug (ein Stift, mit dem Dein Kind gut schreiben kann, schreibfreundliches Papier das nicht kratzt oder bremst, eine passende Lineatur) auch eine ergonomische Schriftart (eine grundlinienorientierte Schreibschrift, die verbundenes und flüssiges Schreiben fördert) und ausreichend Übung im Schreiben, sodass es über die Formen und Verbindungen der einzelnen Buchstaben im Wort nicht mehr nachdenken muss.
Für Lehrkräfte und Lerntherapeuten biete ich regelmäßig Seminare an, wie sie ihre Schüler dabei gezielt unterstützen können)

  • Einen ausreichend großen Sichtwortschatz: Die meisten Wörter schreiben gute Rechtschreiber aus dem Kopf. Niemand hat Zeit, Geduld und Lust, jedes einzelne Wort rechtschreiblich zu zerlegen, während man es notiert. Würde Dein Kind rein regelbasiert schreiben, hätte es keinerlei Energie mehr, sich um den Aufbau der Geschichte oder gar stilistische Mittel wie den Einbau wörtlicher Rede, unterschiedliche Satzanfänge, genug Adjektive im Text und einen Spannungsbogen Gedanken zu machen.
  • Natürlich braucht Dein Kind Wissen über sinnvolle (!) Regeln, um seine Rechtschreibung zu prüfen. Wann aber ist eine Regel sinnvoll? Wenn sie dem Schreiber schnell und einleuchtend hilft, das Problem zu beheben. In der deutschen Grammatik gibt es sehr viele Regeln, manche mit mehr Ausnahmen als klaren Umsetzungshilfen. Nicht jede Regel ist für jeden Menschen hilfreich – wenn Dein Kind partout lange und kurze Vokale nicht hört, ist es nutzlos, eine Regel, die auf dieser Fähigkeit aufbaut, immer und immer wieder zu thematisieren. Dann braucht Dein Kind hier einen anderen Zugang.
  • Dein Kind braucht Zeit, um ein Bauchgefühl entwickeln zu können, das beim Anblick eines Wortes sagt: „Sieht komisch aus, muss das so?“. Dann kann es nach einer hilfreichen Regel suchen. Bauchgefühl kommt mit der Zeit – es ist ein Mix aus Erfahrung und Übung.
  • Korrekturfähigkeit. Damit meine ich: die Einsicht, dass die Erstellung eines Textes nicht damit beendet ist, in einmalig herunterzuschreiben. Textproduktion ist immer auch Korrekturlesen auf die unterschiedlichsten Aspekte – meist sind es mehrere Runden. Das geht den Schülern wie den Buchautoren wie den Briefeschreibern. Jedes Schriftstück wird am Ende noch mehrmals gegengelesen, wichtige Schriftstücke gibt man in fremde Hände, damit dort Fehler gefunden werden, die man nicht mehr sieht. Dein Kind sollte wissen, dass Fehler korrigieren ein stinknormaler Prozess ist, der zur Textproduktion gehört. Es schadet nicht, das immer und immer wieder bewusst zu thematisieren.

Das Regelwerk ist also wichtig, aber nur die Spitze des Eisberges. Regeln sind ziemlich nutzlos, wenn der Unterbau nicht sitzt, denn natürlich kann Dein Kind während des Schreibens nicht jedes einzelne Wort rechtschreiblich zerlegen und wieder zusammensetzen.

Mein Kind kennt alle Regeln, schreibt aber in freien Texten wie Kraut und Rüben!

Wenn Dein Kind hier Probleme hat, lohnt es sich, auf die Handschrift zu schauen (Ist sie flüssig und anstrengungsfrei oder stockt das Kind und denkt über die Ausführung nach?) und/ oder den Sichtwortschatz an Wörtern zu trainieren, jenachdem wo die Wurzel des Problems liegt. Je jünger die Kinder, desto häufiger handelt es sich um eine Mischung aus mangelnd automatisierter Handschrift und nicht ausreichend vorhandenen automatisierten Wörtern.

Das Problem wird verschärft dadurch, wie Rechtschreiben heute gelehrt wird

Im deutschen Grundschullehrplan/ den Schulbüchern oder wer auch immer dafür verantwortlich ist, dass die Kinder hier in der Regel (SCNR 🤪 ) wenig Systematik lernen, sondern munter und wild ohne erkennbares Konzept

  • erst mal schreiben, wie sich das Wort anhört,
  • dann plötzlich nicht mehr so schreiben dürfen,
  • aber die nun geltenden Regeln munter durcheinander gelehrt werden,
  • viel zu schnell und ohne ausreichende Übungszeit,
  • garniert mit sogenannten „Lernwörtern“.
    Diese sollten eigentlich die Ausnahmen der aktuell besprochenen Regel sein, sind das meist aber nicht. Im echten Leben werden diese Lernwörter mit irgendwelchen Grundwortschätzen angereichert und zum krönenden Abschluss verschiedene Regeln der Rechtschreibung wild durcheinander serviert – beispielsweise wird durchaus mal „ie“, das „Dehnungs-h“ und die „Doppelkonsonanten“ in einem Rutsch mit einer Portion Lernwörter abgefrühstückt.

Das wären dann also ein paar Gründe, warum Rechtschreiben üben so lange dauert. Unter anderem, denn:

Selbst wenn alles ideal wäre – die Rechtschreibentwicklung dauert Jahre!

Die Rechtschreibentwicklung im Normalfall weit über die Grundschulzeit hinaus. Aber die Schulen hören mit dem Rechtschreibunterricht (wenn es denn einen gezielten gibt) scheinbar oft nach Klasse 4 auf bzw. steht der Unterricht hier nicht mehr an erster Stelle. Also sind die Kinder sich selbst überlassen, oft ihren Eltern und die dürfen dann daran verzweifeln. Was zum Kaugummigefühl führt, denn es zieeeeht und zieeht sich obwohl man doch gefühlt dauernd daran arbeitet. Mir fehlt hier ein systematisches Vorgehen in den weiterführenden Schulen, die scheinbar davon ausgehen, dass in der Grundschule alles erledigt würde.

Rechtschreiben üben ist so einzustufen wie regelmäßiges Kopfrechnen

Nicht nur in Mathematik braucht das Gehirn regelmäßiges Training, auch in Deutsch ist das so. Der Unterschied ist: In Mathematik sieht man so wunderbar, wie Zahlen mit der Zeit größer und die Rechnungen komplexer werden. Ein Rechtschreibfehler dagegen bleibt ein Rechtschreibfehler, egal ob das Kind *Beume statt Bäume schreibt oder Schwierigkeiten beim Wort „projizieren“ hat. Das unterstützt das Kaugummigefühl natürlich enorm, denn niemand würde auf den Gedanken kommen, sich aufzuregen, wenn das Kind das große 11 in der 4. Klasse noch nicht beherrscht, während ein Rechtschreibfehler irgendwie immer ein Rechtschreibfehler bleibt.
Und weil die Kinder (zum Glück!) die Worte zum Schreiben verwenden, die sie sprechen können, (anstatt nur die, die sie auch richtig schreiben können) führt das natürlich zu mehr Fehlern.
Um beim Beispiel zu bleiben: in Mathematik kommen Kinder selten auf den Gedanken, einfach mal Integralrechnung auszuprobieren, ohne vorher gelernt zu haben, wie das geht. Beim Schreiben gibt es diese „kann ich noch nicht“ Bremse nicht.

Wie kannst Du mit Deinem Kind gezielt Rechtschreiben üben?

  • Das Fundament sichern: Ohne flüssige Handschrift beginne ich kein intensives Rechtschreibtraining.
  • Sichtwortschatz trainieren. Ich bin ein bekennender Fan von Karteikarten, diese mixe ich mit ein paar Regeln, wo sie sinnvoll sind.
Weil diese beiden Punkte sehr oft fast untrennbar miteinander verbunden sind, habe ich eine Anleitung in Form eines Kurses gemacht. Mit Videos und Vorlagen zeige ich Dir, was ich den Kindern und deren Eltern vor Ort für das häusliche Üben mitgebe.

  • Rechtschreibregeln, wo notwendig und ganz gezielt: Um die Rechtschreibung gezielt zu üben, muss man Regeln kennen, nicht zuletzt weil sie auch in der Schule abgefragt werden. Es hat sich hier bewährt, eine Fehleranalyse durchzuführen, um mit dem Kind dann ganz gezielt die noch fehlenden Konzepte zu üben.

Zum Übungsformat und Übungsdauer: In meiner Praxis hat sich tägliches Trainieren für 15 Minuten bewährt. Die größten Erfolge erzielen Familien, in denen die Eltern mit ihren Kindern zuhause gezielt üben. Warum, kannst Du Dir inzwischen sicher denken: Wichtig ist, zu wissen, an welchem Punkt man üben muss. Dafür braucht man Unterstützung, denn eine ordentliche Fehleranalyse ist hier Voraussetzung, um gut zu starten. Dann aber ist wichtig: Durchhalten und Dranbleiben. Deswegen bekommen Kinder, die bei mit wegen LRS in Lerntherapie sind, auch Hausaufgaben auf. Der Unterschied zwischen denen, die zuhause üben und denen, die lediglich ein Training über sich ergehen lassen, weil sie es eben müssen, ist frappierend.

Es lohnt sich sehr, sich ein wenig mit Übungsformaten zu beschäftigen. Wenn Dein Kind zuhause Rechtschreiben übt, sparst Du ihm damit wertvolle Zeit. Nicht nur die, die es braucht um in ein regelmäßiges Training zu gehen, sondern auch die, die es bräuchte, wenn das Training über Jahre dauert. Auch zuhause ist es natürlich nicht in 3 Monaten „gegessen“. Aber: Wer einmal weiß, wie er übt, kann Rechtschreibung täglich ein bisschen trainieren (wie beispielsweise Kopfrechnen) und so wesentlich schneller zum Ziel kommen.

Nach einer Lernstandsanalyse weißt Du, wo Dein Kind steht und mit welchem Material und welchen Übungen Du mit Deinem Kind üben kannst.

Der ehrliche Satz, den man nicht so gerne hört

Man muss wissen, dass ein Rechtschreibtraining nicht so fix geht wie Lesetraining oder Schrifttraining. Rechtschreiben üben ist ein Marathon und es ist nicht so schnell erledigt, wie man sich das erhofft.

Wenn Kinder dann noch ein bisschen mehr Probleme haben als in anderen Fächern, potenziert sich das Problem. Es ist kein Wunder, wenn man sich die Liste an Voraussetzungen zu Gemüte führt: Rechtschreibung ist komplex und nicht isoliert zu betrachten. Ein sehr großer Anteil ist das regelmäßige Trainieren über einen längeren Zeitraum. Das ist nicht sexy, aber notwendig.

Wie halte ich mein Kind bei der Stange?

Wie oben erwähnt, brauchst Du hier etwas mehr Kreativität. Es gibt zwei Sollbruchstellen: Man darf nicht aufhören, muss also irgendwie dranbleiben. Ohne Erfolge vergeht einem der Spaß – deswegen ist es wichtig, dass Dein Kind seine Erfolge sehen lernt und nicht nur stur das Hamsterrad bedient.

Rechtschreiben üben – Dranbleiben

Klar begrenzter Übungszeitraum, aufhören wenn die Zeit zuende ist (häufigste Falle: weitermachen bis einer heult, weil es gerade „so gut läuft“ – nicht hineintappen. Nach 15 Minuten ist Schluss). (Hier findest Du meine Motivationstipps), das Üben abwechslungsreich gestalten (im Programm gibt es eine Liste, wie Du die Übungen kreativ und sinnvoll abwandeln kannst), das Üben einfach halten (es muss möglich sein, auch nach einer Pause ohne viel nachzudenken weiterzumachen).

Rechtschreiben üben – Erfolge sichtbar machen

Sammeln der gelernten Wörter im Glas – Korrigieren mit der Grünstiftmethode – Fehlerqoutienten berechnen und dokumentieren – Wortdiktate dokumentieren und nach einer Zeit wiederholen – beim Regeltraining vorher/ nachher Fehlerquote/ Richtigquote dokumentieren – das Kind auf richtig geschriebene Wörter hinweisen, statt auf Fehler.

Passende Blogartikel zum Thema

Hier findest Du meinen Beitrag zur Lernmotivation.

Zum Artikel über flüssige Handschrift und was das mit der Rechtschreibung zu tun hat geht es hier entlang.

Wenn Du Dich fragst, ob Dein Kind eine (LRS) Diagnose braucht oder nicht, hilft Dir dieser Artikel weiter.

Fragen zum Lernen mit Kindern?

In den Lernkompetenzbriefen beantworte ich regelmäßig Fragen rund um das Lernen mit Kindern in der Grundschule. Meine Videos zum Thema findest Du auf meinem youtube Kanal .

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