Kinder zum Lernen motivieren (mit und ohne AD(H)S)

von | Jun 25, 2019 | Motivation, Konzentration

Lernräume
Integrative Lerntherapie – Dr. Dina Beneken

Fit in den Grundkompetenzen –
selbstbewusst in der Schule

Du hörst manchmal Sätze über Dein Kind wie: „Es ist so faul!“,  „Dieses Kind lässt sich zu nichts motivieren!“ oder „Es fängt einfach nicht an mit seiner Arbeit!“.

Zuhause eskalieren die Hausaufgaben und Du denkst nur: „Immer dieses Drama!“.

Dein Kind kann sich kaum konzentrieren, es hat andere Prioritäten als Schule und Lernen. Was tun?

Kinder zum Lernen zu motivieren, kann eine echte Herausforderung sein. Aber sie ist machbar!

Spontan sein klappt ja meistens am besten wenn Du entspannt bist.

Kennst Du das auch? Im Schlaf fallen Dir die besten Konter auf blöde Sprüche ein.

Genauso ist es mit dem Motivieren!

Wenn Dein Kind Motivation braucht, braucht es sie sofort und Dein Kopf ist leer. Obwohl Du sonst so tolle Ideen hast!

Damit Dir das in Zukunft nicht mehr passiert und Du in der Lernzeit enstpannt bleiben kannst, habe ich eine Liste entwickelt, die Du bereits jetzt ausfüllen kannst. Im Falle eines Falles hast Du dann mögliche Lösungen für die Situation direkt vor Augen.

Dort sind alle Impulse dieses Artikels gebündelt aufgeführt. In die rechte Spalte kannst in die Du Deine Ideen eintragen kannst, passend für Dein Kind. Und schon habt ihr eine entspanntere Lernzeit!

Ist mein Kind faul?

Zuallererst: Angenommen, Dein Kind zeigt im häuslichen Bereich einige Symptome akuter Faulheit: Es drückt sich, wo es geht, um Dinge wie Zimmer aufräumen, Tisch abräumen, Jacke ordentlich aufhängen, den Müll rausbringen….. (Du weißt, wovon ich spreche).

In der Regel ist das ein völlig normales Verhalten für Kinder im Grundschulalter. Lästig, aber normal. Unabhängig davon, hat diese Art Faulheit nichts, aber auch gar nichts mit schulischen Dingen zu tun.

Ein Kind mit Schwierigkeiten beim Lernen ist nicht faul

Ein Kind mit Dyskalkulie, Legasthenie, AD(H)S, Konzentrationschwierigkeiten, Rechenschwäche, <beliebiges Problem in der Schule>,  kämpft jeden verflixten Tag mit:

  • der Beobachtung, dass es nicht das kann, was andere in seiner Klasse können
  • der Erfahrung, dass sein Üben nicht sofort zu besseren Noten führt, weil die Fortschritte so klein sind, dass sie nicht sofort auffallen
  • der Tatsache, dass es etwas trainieren soll, was es überhaupt nicht mag. Täglich!

Es wird also täglich mit seinem Defizit konfrontiert, und kann dieser Begegnung nicht ausweichen.
Wundert es Dich da, dass es das manchmal einfach versucht?
Würdest Du Dich nicht auch manchmal lieber zum Strand beamen, als das, was Dein Chef gerade auf Dich abwälzt, tun zu müssen?

Das Kind ist also nicht faul – oft handelt es aus reinem Selbstschutz.

Wie kannst Du die Motivation zum Lernen herzaubern?

Wenn Dein Kind vielleicht noch AD(H)S oder andere Lernschwierigkeiten wie Legasthenie oder Dyskalkilie hat, fällt es verständlicherweise noch schwerer, sich eigenständig zu motivieren.

Oft wird von ihm vielleicht auch noch intrinsische Motivation (also von innen heraus) erwartet. Das ist definitiv viel zu viel verlangt!

Intrinsische Motivation hat Dein Kind in der Regel für etwas, das ihm Spaß macht. Dann kann es sich durchbeißen, dann hat es ein Ziel. In der Regel stöhnen die Kindern aber nicht bei selbstgewählten Themen auf.

Die Frage, wie Du Kind zum Lernen motivieren kannst, kommt meist erst dann auf, wenn es schwierig wird. Oft hat Dein Kind anfangs noch Energie, Willen und Motivation, etwas an der Situation zu ändern. Es will in der Schule besser werden und allen zeigen, dass es es kann. Wenn seine Bemühungen und das viele Üben keine Erfolge zeigen, ist es verständlicherweise frustriert.

Rahmenbedingungen der Kinder

Erwachsensein hat einige Vorteile. Wenn Dir etwas so gar nicht taugt, hast Du einige Möglichkeiten, das Problem legal zu umgehen. Du hast hoffentlich einen Beruf gewählt, der Dir Freude macht.

Als Erwachsener bist Du frei (zumindest in der Therorie), den Job zu wechseln, wenn die Rahmenbedingungen nicht mehr stimmen. Wenn Du Überstunden ansammelst, gibt es dafür einen Gegenwert.

Idealerweise kommunizierst Du beruflich auf Augenhöhe.
Letztendlich hast Du inzwischen gelernt, was Dich motiviert, auch ätzende Aufgaben hinter Dich zu bringen.

Keine Motivation durch Änderung der Inhalte möglich

Dein Kind dagegen ist dem System erst einmal hilflos ausgeliefert. Du kannst ihm noch so sehr auf Augenhöhe begegnen, ihm zigen, wie es seine eigenen Entscheidungen trifft, es in seinen Fähigkeiten bestärken und ihm bewusst machen, welch toller Menschen es ist.

Du kannst ihm mitgeben, dass Noten nichts über Dein Kind als Menschen aussagen, sondern nur Momentaufnahmen sind. Und dass Noten schon gar nichts darüber aussagen, wie es nach der Schule weitergeht.

Aber am Ende hat Deib Kind keine Wahl – unser Schulsystem ist so, wie es ist, die Inhalte liegen fest und lassen sich kaum beeinflussen.

Es gibt keine Alternativen: Lesen, Schreiben, Rechnen soll jeder können

Besonders in der Grundschule ist die Eingewöhnung in das Schulsystem für die meisten Kinder schwierig.

Das liegt auch daran, dass zuerst die Grundfertigkeiten – Lesen, Schreiben und Rechnen – vermittelt werden.

Jedes Kind sollte am Ende der 4. Klasse fit im Lesen, Schreiben und Rechnen sein.

An diesem Schulstoff kommt man einfach vorbei. Er ist alternativlos wichtig.

Kinder, die sich in ihrem eigenen Tempo entwickeln und in einem anderen Tempo lernen als es von der Klasse erwartet wird, sind fast automatisch mit Frustrationserlebnissen konfrontiert.

Lesen, Schreiben, Rechnen ist ein Handwerk

Lesen lernen, eine flüssige Handschrift entwickeln, Rechnen lernen und mathematische Konzepte verstehen und verinnerlichen – das ist teilweise harte Arbeit.

Diese Fertigkeiten sind nicht angeboren und sie entwickeln sich nicht natürlichererweise. Dein Kind muss sie „von der Pieke auf“, wie jede andere handwerkliche Tätigkeit, erlernen.

Jede Menge Buchstaben

Mit Buchstabenkarten zum ersten Lesen

Außer Frage steht, dass diese Fähigkeiten zu den absoluten Grundfertigkeiten in unserer Gesellschaft gehören.

„Wat mutt dat mutt“, wie meine Schwiegeroma zu sagen pflegte.

Oder das gute alte „Ohne Fleiß keinen Preis“.
Isso.

Kannnst Du von meinem Kind Eigenmotivation erwarten?

Vielleicht kommst Du  ja auch mit so schlauen Argumenten wie

  • wenn Du lesen kann, öffnen sich Dir neue Welten.
  • wenn Du nicht richtig schreiben kannst, hast Du es im Leben schwer.
  • wenn Du nicht rechnen kannst, hast Du Probleme beim täglichen Einkaufen
  • wenn Du die Uhrzeit nicht verstehst, kann Du Dich nicht mit Freunden verabreden

Sehr schick das alles. Aber ein Grundschulkind interessiert das schlicht und ergreifend nicht.

Dein Kind lebt im „Jetzt“

Deinem Kind ist es piepegal, was in einer Woche sein wird.

Ab der 7./8. Klasse kannst Du solche rationalen Argumente anbringen, aber vorher ist das eher mühsam und nicht vor allem nicht lang anhaltend.

Kann Dein Kind das alleine lösen?

Nein. Zum Verständnis helfen Dir folgende Gedankengänge:

  • Was würdest Du tun, wenn Du an der Stelle Deines Kindes wärst?
    Wie motivierst Du Dich, wenn Du Dinge erledigen sollst, die Du so gar nicht  leiden magst? Was hilft Dir, täglich eine ätzende Aufgabe zu erledigen?
    Vielleicht funktioniert das ein oder andere davon auch für Dein Kind.
  • Dein Kind ist nicht faul, nicht dumm, nicht dröge.
    Es kämpft (oder hat den Kampf bereits aufgegeben) täglich mit dem Misserfolg.
    Das ist eine harte Nuss!
  • Lass Dein Kind nicht alleine kämpfen.
    Selbständigkeit ist prima. Dein Kind kann bei ganz vielen Gelegenheiten Selbständigkeit lernen – lass es nicht alleine, wenn es extra Arbeit investiert, um sich zu verbessen. Das hat zwei Gründe:
    • Es wird mit Deiner Hilfe gezielter üben können.
      Wer gezielt übt, ist schneller fertig, hat weniger Frustrationserlebnisse und schneller Erfolgserlebnisse, die wiederum einen Motivationsschub auslösen.
    • Du kannst emotionale Tiefs sehr viel schneller erkennen und auffangen.

Der worst case beim selbständigen Üben ist: Dein Kind macht 2 Stunden lang eigenständig und hochmotiviert Hausaufgaben, gibt sich Mühe ohne Ende und darf am Ende die Hälfte noch einmal machen weil es die Aufgabenstellung falsch verstanden hat. Kind gefrustet, Eltern gefrustet, Nachmittag versaut.

Motivationskiller – never ever do this:

Der Vollständigkeit halber diese Liste der unbedingt zu vermeidenden Aktionen, wenn Dein Kind mit Freude lernen soll.

😫 Drohen („Wenn nicht…. dann“)
😫 Antreiben („Noch 2 Minuten, dann…“)
😫 Zweifel am Kind („Ich glaube, das kannst Du einfach nicht…“)
😫 Kritik („Schon wieder falsch!“)
😫 unnötiges Einmischen
😫 Abstempeln („Mathe kannst Du einfach nicht“)
😫 Vorwürfe („Du gibst Dir ja gar keine Mühe!“)

 Aber was denn dann? Hier meine Best-of Liste zur Lernmotivation:

12 Tipps, um Dein Kind zum Lernen zu motivieren

    1.  Gamification.
      Mach ein Spiel draus. Übt mal anders. Nutzt Lernspiele, lauft in der Wohnung herum.
      Kaufe einen Buzzer und nutze ihn zum Fehlersuchen – für jeden gefunden Fehler darf Dein Kind den Buzzer drücken.
      Dreht den Spieß um und lass Dein Kind den Lehrer spielen.
    2. Ändere die Location.
      Wechsel den Raum, arbeitet am Stehtisch oder Fußboden. Lernt draußen, fragt euch beim Spazierengehen ab, Hüpft das 1*1 auf dem Trampolin.
    3. Setze einen Anreiz.
      Manche Kinder sammeln gerne – Mach es zu einer Art jump&run Spiel und lass Dein Kind Sticker, Punkte whatever einsammeln. Sei großzügig mit Belohnungspunkten. Sie visualisieren, was alles schon geklappt hat! Vielleicht steht Dein Kind auf Sammelkarten oder- Sticker?
      Eine weitere Möglichkeit ist auch, bunte Glassteine in einem Glase zu sammeln.
      Tipp: Lass Dich nicht auf ein kompliziertes Preissystem ein (es sei denn, Du hast Lust darauf) – Sei großzügig und belohne den Weg, wann immer möglich.
      Ein Eis zwischendurch? Einen besonderen Ausflug? Ein Picknick? Worauf habt ihr Lust? Wichtig: ermögliche kurzfristige Erfolge! Nur dann macht es Spaß, dranzubleiben.
    4. Halte Dich an Deine eigenen Regeln. Sei zuverlässig.
      Wenn die Ansage ist „15 Minuten üben“, dann ist nach 15 Minuten Schluss. Niemals weitermachen, weil es gerade so schön ist (es sei denn, und NUR dann, Dein Kind besteht darauf).
    5. Loben. Loben. Loben!
      Lobe jedes Mal mindestens 3 Sachen, die Dein Kind gut gemacht hat. „Ich sehe, Du hast zügig angefangen!“, „Heute hast Du Dir aber besonders Mühe gegegeben“.
      Lobe stets den Weg, nicht das Ergebnis. Ignoriere das, was nicht so gut gelaufen ist. Ein Lob steht ganz alleine, ohne wenn und aber. Im Defizit bohren bringt niemanden vorwärts. Mach mehr von dem, was gut läuft.
    6. Lebe einen konstruktiven Umgang mit Fehlern vor. Fehler sind Freunde. Nutze die Grünstiftmethode:

      Rotstift oder Grünstift?

      Unterschiedliche Wirkung zweier gegensätzlicher Korrekturmethoden

      Der gleiche Text – einmal mit der üblichen Rotstiftmethode (Fehlerfinder) und einmal mit Grünstift (Schatzsucher) korrigiert. Sei ein Schatzsucher und führe Statistik über das, was Dein Kind schon kann, anstelle über das, was es noch nicht kann.

    7. Schaffe eine positive Lernumgebung.
      Ein aufgeräumter Tisch, bereitstehendes Getränk und eventuell Nervennahrung, in Form von Nüssen, Rohkost, Obst.Eine Ablenkungsfreie Umgebung (nicht im Kinderzimmer Hausaufgaben erledigen – da muß man schon sehr stark sein um den Reizen nicht zu erliegen). Sorge für Ruhe und sei ein entspannter Lernpartner, indem Du Dir bewusst Zeit nimmst, die nächsten 15 Minuten mit Deinem Kind zu üben.
    8. Zeige Deinem Kind, wie es seine Lernzeit plant.Plant sie gemeinsam, so lernt Dein Kind, wie es sich selbst organisieren kann.
    9. Denke daran, Pausen einzubauen!Die normale (!) Konzentrationsspanne eines Kindes beträgt [1]:für Kinder von 5-7 Jahren:  bis 15 Minuten
      für Kinder von 7-10 Jahren: bis 20 Minuten
      für Kinder von 10-12 Jahren: bis 25 Minuten
      für Kinder von 12-16 Jahren: bis 30 Minuten
      Wohlgemerkt, das gilt für Kinder, die keine Konzentrationsprobleme haben – bei Kindern mit AD(H)S sind dies Spannen verkürzt, sie brauchen umso mehr Pausen und wieder mit voller Energie ans Werk gehen zu können.

      Ermuntere Dein Kind, Pause zu machen (und wieder an die Arbeit zurückzukehren!), bis es selber merkt, wann es eine Pause braucht.

    10. Visualisiere die Fortschritte.Führe Statistik darüber, wie sich Dein Kind verbessert.Wenn ihr beispielsweise eine lesbarere Schrift übt, kopiere einen von ihm verfassten Text und hebe ihn auf – so kannst Du Deinem Kind Buchstabe für Buchstabe zeigen, was sich verbessert hat.
    11. Nutze moderne Medien.Viele Sachen lassen sich heute mit Reportagen, Hörspielen, Apps oder Lernportalen im Netz lösen. Lass Dein Kind aber nicht damit alleine- eine App ist kein Heilmittel.Aus Erfahrung ist es oft so, dass Kinder die App super finden, solange alles noch ganz leicht geht.

      Wichtig ist, auch dieses Lernen zu begleiten, dabeizubleiben, und zu unterstützen.

    12. Macht Ausflüge und lebt ein Thema.Viele Museen bieten tolle Abteilungen zum „Hands on“ Lernen an. Wo kann man das benötigte Wissen wie anwenden? Wie wäre es mit einem Mittelaltertag zuhause? Oder einen Ausflug in die Sternwarte (Dort sieht man viele Zahlen 🙂 ).Achtet unbedingt darauf, dass der Spaß erhalten bleibt. Ihr werdet überrascht sein, was alles hängen bleibt, wenn man nicht ständig darauf hinweist, dass das Kind gerade „lernt“.

Kleiner Spickzettel

Wenn es Dir wie mir geht und die besten Ideen immer dann wie weggefegt sind, wenn man sie braucht, dann hilft Dir mein Spickzettel.

Hier habe ich die 12 Tipps zur Verbesserung der Motivation bei Grundschulkindern stichwortartig zusammengefasst und in eine Tabelle eingearbeitet. Ich habe Dir eine Spalte für Deine Ideen speziell für eure Situation eingebaut, damit Du immer alles parat hast, wenn Du es benötigst. Für eine gute Lernzeit für euch beide.

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