Lerntherapie Dr. Dina Beneken

Warum eine flüssige Handschrift für den Schulerfolg wichtig ist

von | Mrz 29, 2022 | Schreiben - Handschrift, Lernen, Schreiben - richtig

Dein Kind erzählt Dir eine Geschichte in blumigen Wörtern, voller Dramaturgie und mit großem Einsatz. Aber das, was im Kopf herumschwirrt, aufschreiben? Das Gemecker geht los, die Geschichte wird gekürzt, die Rechtschreibung: eine Katastrophe.

Beitrag vom 5.Juni 2020, überarbeitet am 29.03.2022

Sobald Dein Kind frei schreibt, vergisst es scheinbar alle Regeln der Rechtschreibung, es scheint unkonzentriert, obwohl es im Wörterdiktat doch alles konnte?

Das Problem ist vielen Eltern und Lehrern nicht unbekannt und hat oft mindestens zwei Wurzeln. Die eine: eine mangelhaft automatisierte Handschrift des Kindes. Die andere: ein nicht ausreichend großer automatisierter Sichtwortschatz (hier geht es zum entsprechenden Blogartikel).

Das Problem aussitzen („irgendwann hat das Kind schon ausreichend Übung“) ist langwierig und eigentlich keine Option.
Denn: wenn Dein Kind Schwierigkeiten mit der Schreibtechnik hat, dann fällt ihm das (ähnlich wie beim Lesen), in fast allen Schulfächern auf die Füße. Wer langsam schreibt, verliert unnötig viel Zeit und Energie, die dann an anderer Stelle fehlt.

Texte von der Tafel abschreiben, Antworten schriftlich formulieren, Texte verfassen – tägliches Brot Deines Kindes.

Da ist es umso wichtiger, dass das Handwerkszeug sitzt. Es lohnt sich, hier bewusst Zeit zu investieren, denn eine automatisierte Handschrift ist wie Fahrradfahren. Die Handschrift des Kindes verbessern ist ein einmaliger Prozess – einmal ordentlich gelernt, verlernt Dein Kind es nicht mehr. Und Schreiben verliert seinen Horror. Die Handschrift zu verbessern lohnt sich also gleich mehrfach: eine leserliche und flüssige Handschrift behindert das Kind nicht mehr, es befähigt es vielmehr, seine Leistung auch zu Papier zu bringen.

Handschrift des Kindes verbessern: 3 Probleme, die aus einer schlechten Handschrift entstehen

Wenn Kinder Schwierigkeiten mit der Handschrift haben, hat das starke Auswirkungen auf den gesamten schulischen Bereich. Zum einen fließt die Energie in die Handschrift, statt in Geschichten oder Rechenwege – zum anderen verlieren die Kinder sehr viel wertvolle Zeit beim Produzieren von Texten. Manchmal können sie ihre eigene Schrift

1) Das Schreiben an sich strengt an: Die Rechtschreibung leidet unter einer nicht automatisierten Handschrift

Eine Handschrift, die auf der Linie tanzt, kaum zu entziffern ist und beim Schreiben anstrengt ist nicht nur lästig für den Leser, sondern vor allem für Dein Kind. Wenn Dein Kind oft beim Schreiben stockt, weil es über die Form des zu schreibenden Buchstabens nachdenken muss, kommt es dauernd aus seinem Gedankenfluss.

Kinder mit krakeligen Handschriften haben häufig Schwierigkeiten beim Schreiben längerer Texte. Sie haben Schmerzen im Handgelenk oder in den Fingern und empfinden das Schreiben mit der Hand als große Anstrengung. So bleibt die Motivation, auch noch über die Rechtschreibung nachzudenken, auf der Strecke.

2) Zu langes Nachdenken: die nicht automatisierte Handschrift kostet unnötig viel Zeit

Wenn Dein Kind langsam und stockend, am Ende noch in Druckschrift schreibt, verliert es wertvolle Zeit und Energie. Es ist jammerschade, wenn die schlauen Gedanken im Kopf Deines Kindes einfach nicht zu Papier kommen – nur weil die Zeit abgelaufen ist. Viele Kinder werden von ihrer Handschrift schlicht und ergreifend ausgebremst.

Es ist normal, wenn sich im Laufe der Zeit aus einer verbundenen Handschrift einzelne Buchstaben anders entwickeln, sprich, zu Druckbuchstaben werden. Dennoch kann eine rein unverbundene Handschrift kaum so flüssig geschrieben werden wie eine teilverbundene.

Es ist für Kinder wesentlich einfacher, ihre Handschrift zu verbessern bzw. anzupassen, wenn sie von einer verbundenen Schriftart kommen und damit experimentieren, einige Buchstaben nicht zu verbinden, als sich mühsam herzuleiten, wie sie unverbundene Buchstaben sinnvoll verbinden könnten.

3) Beim Schreiben strukturiert sich Dein Kind – oder eben nicht

Wir schreiben auch, um uns Inhalte zu strukturieren. Wenn Dein Kind lange braucht, um ein Tafelbild zu kopieren, dann hat es am Ende der Stunde lediglich das Tafelbild kopiert. Schreibt es dagegen flüssig, kann es sich während des Schreibens Gedanken zum Thema machen, diese im Kopf strukturieren und im Gehirn neue Synapsen miteinander verknüpfen. Dein Kind lernt und festigt den Inhalt dann bereits beim Schreiben.

Je älter Dein Kind wird, desto wichtiger wird diese Fähigkeit. Die Tafelbilder werden länger und komplexer. Dein Kind muss lernen, Informationen zu filtern und nur das Wesentliche mitzuschreiben. Dazu ist es extrem wichtig, während des Schreibens auch zuhören zu können. Das geht nur, wenn das Schreiben an sich einfach „läuft“, also zum Nebenschauplatz wird. Ein Ziel bei der Verbesserung der Handschrift ist es, dass Werkzeug “Schreiben” “blind” zu beherrschen.

Dein Kind kann sich erst dann auf Inhalte oder Rechtschreibung konzentrieren, wenn die Schreibschrift flüssig von der Hand geht. 

Dein Kind hat Schwierigkeiten

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Wenn die Schriftart das Problem ist

Manche “verbundenen Schulschriften” sind leider alles andere als hilfreich, wenn es darum geht, eine flüssige Handschrift zu entwickeln. In diesem Video erkläre ich das am Beispiel der “vereinfachten Ausgangsschrift”. Diese ist eine Mittellinienorientierte Schrift, die leider oft entgleist.

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In diesem Video siehst Du eine Schriftprobe der Vereinfachten Ausgangsschrift. Diese Schriftart

  • lässt leider kaum eine flüssige Verbindung der Buchstaben zu
  • ist an der Mittellinie orientiert, was bei Wegfall selbiger zum Problem wird
  • hat einige, die Leserlichkeit ungünstig beeinflussende Buchstabenformen wie das Schlaufen s, das Köpfchen-e und die sehr ähnliche Form von t und f.

Das führt zu

  • einer tanzenden Schrift, sobald die Mittellinie wegfällt
  • ständigen Unterbrechungen des Schreibflusses
  • einer schlecht leserlichen Schrift, sobald der Versuch unternommen wird, Geschwindigkeit aufzunehmen bzw.
  • Verlust von Zeit, weil das Kind bemüht ist, leserlich zu schreiben.

Selbstverständlich können viele dieser Probleme auch mit anderen Schulschriften auftreten – aber mit der VA sind die quasi vorprogrammiert.

Und was hat das mit der Rechtschreibung zu tun?

Im Schreibfluss zu bleiben bedeutet nicht nur, die zu schreibenden Buchstaben „aus dem FF“ zu können, sondern auch, das Wortbild sofort richtig im Kopf parat zu haben. Wenn Dein Kind beim Schreiben stockt, kann das zum einen daran liegen, dass es den Buchstaben nicht schreiben kann und über die Form nachdenkt. Oder dass es das Wort nicht kennt und über die Schreibung nachdenkt.

Beides unterbricht den Schreibfluss. Manchmal muss sich Dein Kind dann unbewusst für etwas entscheiden: Leserliche Schrift ODER Inhalt ODER Rechtschreibung. 

Über dieses Thema habe ich mich mit Siegbert Rudolph (“Der Lesekoch”) unterhalten. Hier ist das vollständige Gespräch:

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Deshalb genügt es nicht, einige, viele oder wichtige Rechtschreibregeln zu kennen. Die wenigsten kompetenten Rechtschreiber überlegen bei jedem Wort, wie es warum geschrieben wird. Das ist viel zu anstrengend. Dein Kind benötigt einen Sichtwortschatz, den es automatisiert richtig schreibt. Wenn es ein Wort nicht kennt oder unsicher ist, ist es wichtig dass es Regeln kennt und anwenden kann.

Typische Einwände – die Druckschrift ist doch auch eine Option?

Handschrift wird überschätzt – dann soll das Kind lieber bei der Druckschrift bleiben? Meiner Meinung nach fällt dieser Satz bei den allermeisten Kindern viel zu früh. Die typschen Einwände seien hier erwähnt:

“Aber mit Druckschrift schreibt das Kind schneller und leserlicher”

Ein gerne gebrachter Einwand von Kindern (und Beobachtung von Eltern und Lehrern). Allerdings handel es sich um einen Trugschluss.

Ja, es stimmt: zur Zeit schreibt das Kind wahrscheinlich wirklich schneller, wenn es die Druckschrift nutzt. Warum? Weil es diese zuerst gelernt hat. Natürlich kann man etwas besser, was man schon länger nutzt. Wenn man aber eine flüssige Schreibschrift beherrscht, überholt das in der Regel immer die jetzige Geschwindigkeit der Druckschrift. Eine verbundene Handschrift, wenn sie gut trainiert ist, hat sehr viele Vorteile. Das Problem ist meist lediglich die fehlende Übung. 

Vielleicht hilft Deinem Kind der Vergleich mit anderen neuen Fähigkeiten: Man braucht immer ein bisschen Zeit, um sich daran zu gewöhnen. Ein neues Rennrad fährt schneller, muss aber ganz anders gehandhabt werden als das alte Kinderfahrrad. Es braucht ein bisschen, bis man sich an das andere Gefühl gewöhnt hat. Ähnlich verhält es sich mit einem neuen Tennisschläger oder einem anderen Sportgerät. Aber hier haben wir Vertrauen (oder Hoffnung 😉 ), dass das tolle neue Gerät am Ende eine Verbesserung bringt. Genauso ist es mit der Handschrift.

Mein Vorgehen, wenn ich mit Kindern die Handschrift verbessere: Für einen Zeitraum von 4-12 Wochen übt das Kind nur, seine Handschrift flott zu bekommen, eine individuelle Schrift zu entwickeln, mit der es anstrengungsfrei schreiben kann. Danach kann das Kind gerne wieder mit Rechtschreibübungen beginnen – dann sitzt das Fundament. Während des Schrifttrainings gibt es keine anderen Übungen.

Meine Erfahrung ist: es lohnt sich immer. Nach 4-12 Wochen ist die Handschrift des Kindes flüssiger, lesbarer und die Hefteinträge auch zuhause noch nachvollziehbar. Sobald Dein Kind nicht mehr über die Form des Buchstabens nachdenken muss, kann es seine Gedanken in die Geschichte, die es schreibt, stecken. Oder in die Lösung der mathematischen Frage. Oder in die Frage, wie dieses Wort wohl richtig geschrieben wird. 

“Handschrift wird in ein paar Jahren sowieso überflüssig sein ”

Darüber kann man streiten, ich bin nicht dieser Ansicht – aber selbst WENN das so sein sollte, hilft das Deinem Kind akut überhaupt nicht. Aktuell ist die Handschrift in der Schule nicht wegzudenken. In der Schulwelt, wie wir sie kennen, werden die Ergebnisse überwiegend schriftlich festgehalten.

Soll das Kind doch am Computer tippen!

Wer das fordert, muss sich im klaren darüber sein, dass die Kinder in diesem Fall einen “Flüssig Schreiben mit der Tastatur” Kurs benötigen – sprich, das 10-Finger Tippsystem lernen müssen, damit sie in angemessenem Tempo mitschreiben können. Ob dieser Aufwand wirklich Zeit spart, sei dahingestellt – weniger Aufwand als ein Schrifttraining ist es jedenfalls nicht. Ich persönlich kenne zwar einige Schulen, die inzwischen digitale Endgeräte im Unterricht einsetzen, aber keine, die ihren Schülern systematisch den Umgang mit der Tasatatur beigebracht hätte.

Für Legastheniker ist Druckschrift sowieso viel besser!

Das ist so nicht richtig. Im Gegenteil, die verbundene Handschrift hat gerade für Menschen, die beim Schreiben und Lesen Schwierigkeiten haben, enorme Vorteile:

  • Die Wortgrenzen sind klar erkennbar.
  • b/d ist klar unterscheidbar.
  • Die Schrift lässt sich mit weniger Anstrengung zu Papier bringen.
  • Die Auge-Hand Korrdination wird nicht so strapaziert, da das ständige An- und Absetzen entfällt.

Beim Lernen zeigt sich immer wieder, das der Einsatz unterschiedlicher Sinneseindrücke das Ergebnis nachhaltig verbessert. Wir sollten den wichtigen Lernkanal des Schreibens nicht einer Computertastatur überlassen. Digitale Notizen werden nicht umsonst auch häufig mit digitalen Stiften produziert – weil es eben doch einen Unterschied macht, ob man tippt oder die muskuläre Schreibbewegung ausführt.

Mein Kind hat keine Lust auf ewige Schwungübungen!

Neee, muss ja auch nicht. Schwungübungen kann man definitiv überstrapazieren. Zumindest für eine flüssige Schreibschrift braucht es gar nicht so viele Schwünge, wie man glaubt. Die beste Nachricht: Du kannst auch alle Schwünge direkt am Buchstaben üben. Es ist völlig egal, ob Dein Kind Schleifen malt oder “e”. Wichtig ist, die Bewegung formgetreu hinzubekommen. Warum also nicht gleich direkt am Buchstaben üben?

Weiterführende Blogartikel/ Ressourcen

Blogbeitrag zum Thema “Rechtschreiben” – Warum ist Rechtschreiben üben so zäh?

Flüssig lesen – wieso, weshalb, warum?

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