Oft haben Eltern ein Bauchgefühl, dass ihr Kind mehr Schwierigkeiten als andere Kinder beim Rechnen haben könnte. Aber wann hat das Kind ein ernsthaftes Problem oder wie lange ist noch alles im Rahmen? Ab wann sollte man sich Sorgen machen, eine zweite Meinung einholen, dem Kind Unterstützung zukommen lassen? Und in welcher Form?

Mit diesem Beitrag möchte ich Dir eine Hilfestellung geben, falls Du Fragen zur Dyskalkulie und dem aktuellen Lernstand Deines Kindes hast.

Dyskalkulie, Rechenschwäche, Rechenstörung oder einfach nur schlecht in Mathe?

Begriffe und Diagnosen stigmatisieren und klingen nach Krankheit und Behinderung. Sie unterstellen, dass das Kind einen Defekt hat – was aber nachgewiesenermaßen nicht der Fall ist [1]. Die Forschung ist sich laut Gaidoschik in folgenden Punkten ziemlich einig:

  • Kinder scheitern aus unterschiedlichen Gründen beim Rechnen-Lernen, die nicht im Kind selbst liegen. Das Kind hat also keine Schwäche, es ist aus verschiedenen Gründen schwach im Rechnen.
  • so vielfältig die Gründe für die „Rechenschwäche“ sind, so viele Erscheinungsformen gibt es.

Begrifflichkeiten in diesem Artikel

Alleine über die Begrifflichkeiten Rechenschwäche, -störung oder Dyskalkulie beziehungsweise Krankheit oder Behinderung könnte man Seiten füllen. Ich lasse es bei diesem Statement:

Ich spreche von Rechenschwäche, da dieser Ausdruck bekannt ist und ein allgemeines Verständnis herrscht, was damit gemeint ist: Ein Kind hat Schwierigkeiten im Bereich des Rechnens. Ein Kind mit Rechenschwäche ist weder krank, noch behindert, noch gestört – es benötigt individuelle Unterstützung, um in seinem Tempo die Grundbegrifflichkeiten der Mathematik verstehen und anwenden zu können.

Definition der Dyskalulie bzw. Rechenschwäche

Die Definition der Rechenschwäche als Teilleistungsstörung beinhaltet immer auch die Diskrepanzdefinition – das Bedeutet, dass ein Kind nur dann als rechenschwach eingestuft wird, wenn es in anderen Fächern (Lesen und Schreiben) mindestens durchschnittlich ist. Unfassbar.

Förderung unabhängig von einer (psychiatrischen) Diagnose

Alle Kinder haben eine Förderung in Mathematik (übrigens auch Lesen und Schreiben) verdient – unabhängig davon, wie sie in anderen Fächern abschneiden. Denn gerade Kinder, die ständig schlechte schulische Erfahrungen machen, kommen schnell in den Teufelskreis der Lernstörungen und fallen damit in allen Fächern ab.

Definitionen sind hübsch, bringen uns aber der Lösung nicht näher. Ich plädiere für eine angemessene Förderung für Kinder, die sich mit dem Rechnen schwertun – unabhängig von Stempeln wie Dyskalkulie, Rechenschwäche, Rechenstörung oder (mitunter auch sehr beliebt) der Erklärung „in unserer Familie ist halt niemand gut in Mathe“.

Deswegen gehe ich jetzt auf die Fragen, die Eltern haben, ein – Was sind Alarmsignale und was kann ich tun?

Generelle Alarmsignale

H. Spiegel und C. Selter [2] beschreiben 5 häufig zu beobachtende Merkmale, die zu einer genaueren Beobachtung der Situation führen sollten – ein einzelnens Merkmal an sich ist noch kein Zeichen für ein gravierendes Problem. Andersherum haben Kinder mit Rechenschwäche oft mit folgenden Phänomen zu kämpfen:

  • Verfestigung des zählenden Rechnens
    zählendes Rechnen ist nichts verwerfliches, sondern normal. Im Verlauf des Lernprozesses sollten Kinder jedoch in der Lage sein, andere Rechenstrategien anzuwenden und sich vom zählenden Rechnen lösen.
  • Unsicherheiten bei der Rechts/Links Unterscheidung
    mathematische Operationen sind in der Regel richtungsabhängig. Es macht einen Unterschied, ob Perlen auf der Perlenkette von rechts nach links oder links nach rechts verschoben werden
  • Übersetzungsprobleme zwischen verschiedenen Darstellungen
    Material, Zahlwort („fünf“), Zahlsymbol („5“). Kinder mit Rechenstörung können sich oft kein Bild von einfachen Aufgaben machen, beispielsweise eine Geschichte zu 12-4 erfinden oder eine Aufgabe mit Material nachlegen.
  • Auffassung von Mathematik als bedeutungsloses Regelwerk
    Man kann beobachten, dass Kinder sich nicht auf die Aufgabeninhalte konzentrieren, sondern „wild“ Zahlen mit Rechenoperationen verknüpfen.
  • Geringes Selbstvertrauen
    in die eigenen mathematischen Fähigkeiten. Kinder geben praktisch beim Anblick von Zahlen schon auf.

Beispiele für konkrete Alarmsignale

Eltern fragen sich oft, ob noch alles im Rahmen ist, oder die Auffälligkeiten zu groß werden. Die nachfolgenden Punkte entstammen aus [1] [3] und [4] und enthalten keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Dennoch lässt sich damit ein gutes Gefühl für die Situation der Kinder bekommen. Wichtig: Wenn ein einzelner Punkt zutrifft, ist das kein Grund, in Panik auszubrechen! Beispielsweise haben viele Kinder am Anfang Schwierigkeiten, Subtraktionsaufgaben zu lösen, oder sich Sachaufgaben vorzustellen.
Treffen jedoch mehrere Punkte zu, zusammengenommen mit einem Bauchgefühl der Eltern, sollte ein genaues Beobachten der Situation folgen und das Kind möglichst früh unterstützt werden.

🔔 Kindergarten (4-5Jahre)

  • Kein Abzählen bis 6
  • gebraucht keine Zahlnahmen
  • Unsicher im Mengenvergleich (mehr/weniger – größer/kleiner)

🔔 Schuleintritt

  • Keine sichere Beherrschung der räumlichen Beziehungen (vor, hinter, rechts, links, neben, oben…
  • Ordnen nach Kategorien (Farbe, Form, Größe) fällt schwer oder ist nicht möglich
  • weiterzählen ab einer beliebigen Zahl, z.b. 4 (beginnt wieder bei 1)
  • keine 1:1 Zuordnung beim Zählen, Unterscheidung Anzahl und Menge beim Zählen (der 5. Platz, 4 Kirschen im Korb)
  • kein Rückwärts zählen von 10/ unsicheres Vorwärtszählen bis 20
  • kein sicherer Umgang mit Mengen (Dazutun/ Wegnehmen/Mehr/Weniger)

🔔 ab der Schulzeit:

  • keine sichere Rechts/ Links Unterscheidung
  • keine sichere zeitliche/ räumliche Vorstellung (Geschichten in richtige Reihenfolge bringen, Handlungsabläufe planen können)
  • Zahlverständnis: Zahlen werden nicht als Menge, sondern als Platz im Zahlenstrahl gesehen
  • Zählfehler (oft verrechnen um 1)
  • fehlende Strategien (zählendes Rechnen ist die einzige Strategie, die angewendet wird)
  • Kann Sachaufgaben nicht in Rechenaufgaben umsetzen und umgekehrt
  • Subtraktionsaufgaben sind besonders schwierig
  • Kein Abrufwissen zum 1+1 vorhanden (Zahlzerlegungen im Zahlenraum 10 sind nicht automatisiert)
  • Fehlendes Verständnis für Tausch- und Platzhalteraufgaben
  • Beziehungen zwischen Addition/ Subtraktion (Mutliplikation/ Division) sind nicht verstanden
  • Schwierigkeiten mit dem Stellenwertsystem:
    • 10er/ Einer werden vertauscht
    • „Kippfehler“ -> z.b. *34 -6 = 32 (aus der Rechnung: 6-4 = 2)
    • Vertauschung der Z/E bei Rechnungen: 56 + 32 = 79  (+23 statt +32)
  • kein Gefühl für falsche Ergebnisse – Phantasieergebnisse werden klaglos akzeptiert
  • Multiplikation/ Division Prinzip nicht verstanden, nur auswendig gelernt
  • Schwierigkeiten beim Umgang mit Größen (Zeit, Strecken, Geld, Gewichte)

Oha, da habe ich aber ein paar Fragen!

Das ist ganz normal. Damit lasse ich Dich nicht alleine. In meiner kostenlosen Facebookgruppe kannst Du Deine Fragen stellen, oder Du schreibst mit eine EMail.

 

Mathematik ist logisch aueinander aufbauend

Anders als in Lernfächern verliert man im Rechnen schnell den Anschluß, wenn das Fundament nicht stabil ist. Sehr häufig wurschteln sich die Kinder noch durch die ersten beiden Klassen. Im kleinen Zahlenraum fallen die Schwierigkeiten nicht immer sofort auf. Auch das rein zählende Rechnen, das ja wichtig und richtig ist, funktioniert als einzige Stratgie bis weit in die zweite Klasse hinein. Deswegen ist es wichtig, auf weitere Anzeichen zu achten.

Je früher die Unterstützung, desto besser

Je früher Dein Kind Unterstützung bekommt, desto gezielter und effektiver kann ihm geholfen werden. Das ist wie bei einem Hausbau: Wenn das Fundament, der Keller, nicht stabil ist, wird das weiterbauen eine Qual. Je früher man sich entschließt, mehr Zeit auf das Fundament zu verlegen und das ordentlich zu machen, desto schneller geht dann irgendwann auch der Rest bis zum Innenausbau.

Ein Kind , das in der dritten Klasse in Mathematik praktisch wieder von vorne beginnen muß, hat wertvolle Zeit verloren, da die schulischen Inhalte ab da sehr strategisch orientiert sind.

Wichtig zu wissen: Strategien und Ergebnisse

  • Stragegien (anzuwenden) lernt man nicht von alleine
    Mathematische Strategien anzuwenden ist keine Eigenschaft, die der Mensch von sich aus und mit genügend Zeit schon irgendwann entwickelt. Es ist eine Fähigkeit, die gelernt und geübt werden muß.
  • Rechenergebnisse alleine haben kaum eine Aussagekraft
    Wichtig ist, auf welchem Weg diese zustandegekommen sind. Tricks und Eselsbrücken funktionieren noch lange bis in die frühe dritte Klasse hinein. Einem Ergebnis sieht man nicht an, wie es ausgerechnet wurde.

Gut gemeint, aber nicht immer hilfreich: Eselsbrücken

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Diese Eselsbrücke funktioniert, aber hat das Kind auch verstanden, was es da tut? Kann es Platzhalteraufgaben mit Subtraktionen rechnen? Kommt es aus dem Konzept, wenn der Platzhalter in der Mitte steht, anstelle zu Beginn?
Kinder brauchen hier keine Eselsbrücken. Eine Eselsbrücke benötigt man, wenn man etwas auswendiglernen muss, was nicht logisch erscheint. Hier aber ist die Information, was das Gleichheitszeichen bedeutet, wesentlich hilfreicher. Wer verstanden hat, das rechts und links vom „=“ stets die gleiche Menge stehen muß, hat hier schon halb gewonnen. Kein kompliziertes Überlegen, welche Rückwärtsrechnung nun gemacht werden muss (Addieren? Subtrahieren? – gerade Kinder mit wenig Verständnis für Mathematik haben diese Zusammenhänge eventuell noch gar nicht verinnerlicht), kein Nachdenken über den Rechenweg, sogar für zählende Rechner leicht zu erschließen: Die Waage muß immer im Gleichgewicht sein.

Auswendiglernen

Manche Kinder behelfen sich sehr lange mit Auswendiglernen. Ein gutes Beispiel ist das 1 mal 1. Das bringt eine gute Note im Test, aber wenn das Kind nicht verstanden hat, was 3 * 4 bedeutet, wenn es keine Aufgabe dazu im Kopf basteln kann und den Unterschied zwischen 3*4 und 4*3 nicht kennt, hilft ihm die vermeintliche „Grundlage“, das kleine 1*1 zu können, gar nichts. Ein Automatisiertes 1 mal 1 ist sehr hilfreich, wenn man größere Rechnungen flott durchführen möchte. Aber wenn man diese Rechnung mangels Vorstellungskraft und Verständnis nicht zu Papier bringen kann, war das Auswendiglernen leider umsonst.

 

Ich bin unsicher, und jetzt?

Wenn Du das Gefühl hast, Dein Kind hat Rechenschwierigkeiten, überprüfe ich gerne seinen Lernstand mit einer Lernstandsanalyse. Am liebsten mache ich das vor Ort in Brunnthal bei München, aber wir finden bei Bedarf auch online eine Möglichkeit. Danach weißt Du, wo Dein Kind steht, was es schon kann und wo Entwicklungsbedarf ist. Du bekommst einen detailierten Plan mit Vorschlägen, wie die einzelnen Themen zu bearbeiten sind, damit Du Deinem Kind selber helfen kannst (natürlich begleite ich Dich gerne dabei).

* Kinder, die zu mir kommen, kommen in ein Training. Ich bin keineswegs der Meinung, dass meine Schüler Therapiebedarf haben, weil sie krank sind. Da aber das offizielle Wort so ist wie es ist, und in bestimmten Fällen finanzielle Unterstützung vom Jugendamt möglich ist, bleibe ich hier bei diesem Begriff – siehe auch die Einleitung zum Begriff Dyskalkulie ud Rechenschwäche.

Was kann ich selbst tun? Empfehlenswerte Bücher

Ein sehr hilfreiches Buch für Eltern und Lehrer, um Kinder in der ersten Klasse beim Zahlenaufbau zu unterstützen ist von Michael Gaidoschick: Rechenschwäche vorbeugen. 1. Schuljahr: Vom Zählen zum Rechnen: Das Handbuch für LehrerInnen und Eltern.

 

Literatur

[1] Gaidoschik, M in Rechenschwäche – Dyskalkulie, Eine unterrichtspratktische EInführung für LehrerInnen und Eltern, Persen, 10. Auflage 2017

[2] Spiegel, H., Selter, C. in Kinder & Mathematik – was Erwachsene wissen sollten, Kallmeyer, 1. Auflage 2003

[3] Hess, K. in Kinder brauchen Strategien, Kallmeyer, 2. Auflage 2016

[4] Stiehler, M. in Mit Legosteinen Rechnen lernen, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2009

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