Wie lernen Kinder lesen? Teil 1: Buchstaben bis Wort

von | Jun 18, 2019 | Lesen

Lernräume
Integrative Lerntherapie – Dr. Dina Beneken

Fit in den Grundkompetenzen –
selbstbewusst in der Schule

Wann beginnt eigentlich der Leselernprozess?

Hilfe, mein Kind ist noch im Kindergarten und interessiert sich für Buchstaben! Was soll ich machen?
Mein Kind ist in der Schule, aber das Lesen geht nicht so recht voran?
Wie bringe ich meinem Kind das Lesen bei?

Diese und viele andere Fragen stellen sich Eltern, wenn ihre Kinder mit dem Lesen anfangen.

Lesen lernt man stufenweise

Lesen lernen ist ein Prozess der, ähnlich wie Mathematik, stufenweise aufgebaut. Dieser Artikel beschäftigt sich mit den Grundlagen – der Frage, wie ein Kind eigentlich vom ersten Buchstaben bis zum Wort Lesen lernt. Ich gebe Dir auch Tipps, wie Du Dein Kind, abhängig von seiner Lesestufe, effektiv unterstützen kannst.

Grundsätzlich: Wie lernen Kinder Lesen?

Es gibt mehrere wissenschaftliche Modelle zum Leselernprozess. Ich beziehe mich hier das Modell von Renate Valtin[1]. Ich beschränke mich in diesem Artikel auf den Aufbau der grundlegenden Lesefertigkeit, also der Fähigkeit, aus Buchstaben Wörter zu bilden.
Lesen und Schreiben ist oft eng miteinander verzahnt. In diesem Artikel bleiben wir beim reinen Lesenlernen und wie Du Dein Kind, auch wenn es schon in der Schule ist, dabei unterstützen kannst.

Im zweiten Teil werde ich mich mit dem Aufbau der Leseflüssigkeit befassen (vom Wortlesen zum Satzlesen, Lesegenauigkeit, Betonung, Textverständnis).

Stufe 1: Nachahmen

Das Lesen lernen beginnt bereits mit dem „Als ob“ Vorlesen. In dieser Stufe passiert etwas wichtiges: Nach und nach lernt das Kind, dass Bilder den Text illustrieren und wie ein Buch technisch gelesen wird: die Leserichtung (von vorne nach hinten, oben nach unten und links nach rechts).

Kindern Lesen schmackhaft machen – was tun?

📗 Vorlesen
📗 Das Kind im Buch Bilder beschreiben lassen (was siehst Du?)
📗 Beim Lesen den Finger mitbewegen (so lernt das Kind, dass Du Dir das nicht ausdenkst, sondern Wort für Wort vorliest)
📗 Spannende Bücher zu interessanten Themen anbieten
📗 Die Bücherei besuchen und eigene Bücher ausleihen lassen

Stufe 2: Buchstabenkenntnis anhand figurativer (bildlicher) Merkmale

Auf dieser Stufe erkennen Kinder Buchstaben und Wörter als Bilder. Beispielsweise lesen sie Markennamen oder erkennen den Laden, in dem ihr einkauft, am Schild. Sehr schnell erkennen sie auch Ihren Namen wieder, auch das ist eine Speicherung des Wortbilds. Im Kindergarten beginnen sie, ihren Namen zu schreiben, auch dies ist zu Beginn kein Zusammensetzen von Buchstaben zu einem Wort, sondern gleicht eher dem Malen eines Logos.

Kinder lernen oft schubweise und die Lernfenster sind unterschiedlich lang „offen“. Meine Tochter hat beispielsweise mit 3 Jahren ein paar Wochen lang alle paar Tage ihre Buchstabenkiste geholt und wollte wissen, wie die Buchstaben heißen. Danach konnte sie einen Großteil des Großbuchstabenalphabets, hat sich dann aber ca. 1 Jahr nicht weiter interessiert. Verlernt hat sie praktisch nichts, sondern mit ca. 4 einfach dort weitergemacht, wo sie damals aufhörte.

Stufe 3: Benennung von Lautelementen

In dieser Phase lernen die Kinder die Laut-Buchstabenzuordnung (Laute zu Buchstaben – Graphem-Phonem Zuordnung). Ein Graphem ist der Buchstabe „A“, das Phonem der Klang dazu). In der deutschen Sprache gibt es mehr Phoneme als Grapheme – beispielsweise wird ein „E“ unterschiedlich ausgesprochen, jenachdem an welcher Stelle im Wort es steht. Vertiefende Literatur dazu gibt es beim ISB von Dorothea und Günther Thomé.

Buchstaben zum Legen

Wenn Du mit Legematerial beginnen möchtest und nicht selber basteln, kannst Du diese auch kaufen. Achte darauf, dass auch Kleinbuchstaben im Satz enthalten sind. Gute Materialien bietet auch der Jahndorf-Verlag. Dort kann man sich einiges, von der Lauttabelle bis zu Spielen, um die Laut-Buchstabenzuordnung zu üben, herunterladen. Das macht Sinn ungefähr ab Vorschulalter, da die Kinder dann in der Schule auch mit ähnlichem Material in Berührung kommen.

Lauttabelle ja oder nein?

Viele Kinder lernen in der Grundschule mit sogenannten Lauttabellen. Das Prinzip dahinter ist, dass das Kind gleichzeitig Lesen und Schreiben lernen kann. Meiner Meinung nach ist die Lauttabelle für den reinen Leseerwerb absolut ungeeignet. Um Lesen zu können, muss man die Buchstaben aus dem Gedächtnis abrufen können. Deswegen brauchst Du, wenn es um das Lesen geht, keine Lauttabelle. Kinder, die noch nicht in der Schule sind, lernen sowieso mit einem Erwachsenen oder älteren Kind gemeinsam, hören, wie Laute ausgesprochen werden und können in aller Ruhe nach ihrem Tempo vorgehen. Wenn eine Lauttabelle richtig vorgelesen wird, schadet sie nicht und ist ein zusätzliches Element, um die Buchstaben zu lernen.

Ist Dein Kind bereits in der Schule und hat Schwierigkeiten mit dem Lesen, ist es umso wichtiger, dass es die Buchstaben-Laut Zuordnungen verinnerlicht. Wenn es um das Automatisieren, also das schnelle Abrufen von Inhalten, hier der Laute, geht, halte ich die Lauttabelle für ungeeignet.

Wie kann mein Kind Buchstaben lernen?

Wie unterstütze ich mein Kind, wenn es Buchstaben lernen möchte? Was muss ich beachten?
Wirklich beachten musst Du nur eines: Sprich die Buchstaben aus, wie sie sich anhören. Dazu brauchst Du auch keine komplexe Lauttabelle, Du sprichst das „e“ einfach so aus, wie in dem Wort, über das ihr gerade sprecht.

Wenn Du faul bist wie ich und gerne nettes vorbereitetes Material benutzt, empfehle ich „Die Lesegrundschule„. Klar, kommt auf den Punkt, spielerisch aber dennoch (wenn man will) sehr zielgerichtet. Die Ansage, dass Dein Kind in 5 Tagen damit lesen kann, solltest Du nicht zu ernst nehmen – gib ihm die Zeit, die es braucht. Das Material ist trotzden gut.

📗 Anbieten!
📗 Buchstabenmaterial (Groß- und Kleinbuchstaben)
📗 Buchstaben hinlegen und den Laut dazu sprechen
📗 Buchstaben aufschreiben und Kind Lesen lassen
📗 Kind auf Buchstaben zeigen lassen und selber vorsprechen

Dein Kind in der Grundschule hat noch nicht alle Buchstaben abrufbar im Kopf?

Wichtig ist: Je früher Dein Kind alle Buchstaben auswendig abrufen kann, desto schneller kann es den nächsten Schritt gehen (das sicherere Zusammenziehen von Lauten zu Silben).

 

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Um herauszufinden welche Buchstaben Dein Kind schon kann, benötigst Du lediglich, genau, Buchstaben. Im Video zeige ich Dir, wie ich mit einem kleineren Kind das Buchstabenspiel spiele. Für ein Kind im Vorschulalter ist das ein lustiges Spiel, mit dem man die Buchstaben kennenlernt. Wie Du hörst, lautiert das Kind die Buchstaben. Das ist wichtig, um später aus Buchstaben Wörter zu bilden.

Wie Du auch siehst, mache ich zwei Stapel – einen mit den sicher gekonnten Wörtern. Auf den anderen kommen die, bei denen das Kind nachgedacht hat oder sich nicht sicher in der Aussprache war.
Die Buchstaben des zweiten Stapels kann man dann entsprechend intensiv üben (nicht bei Kindergartenkindern 🙂 ).

Mein Kind tut sich sehr schwer mit dem Lernen von Buchstaben

Wenn Dein Kind ein sehr strukturiertes Programm zum Leseaufbau braucht, oder Du lieber nach System vorgehst, empfehle ich das IntraAct Plus [2]. Das Programm gibt es inzwischen auch als App. Es geht sehr systematisch vor, ist  klar und ablenkungsfrei ohne Tüddelüt. Das kommt insbesondere ungeduldigen Kindern, die schnell Erfolge sehen wollen und anfällig für Ablenkungen sind, sehr entgegen.  

Stufe 4: Buchstabenweises Erlesen/ zusammenschleifen von Buchstaben

In dieser Phase beginnen die Kinder, die Buchstaben zusammenzuschleifen (Synthese). Diese Phase kann lange dauern – es ist ein großer Schritt! Hier kannst Du Dein Kind unterstützen, indem Du ihm das Prinzip des Zusammenschleifens (Synthetisierens) immer wieder verdeutlichst. Am besten anhand kleiner Silben oder sehr kurzer Wörter wie Oma, Opa. Für das allererste Lernen ist ein Bild von einem Zug mit Wagen, die aneinandergekoppelt werden, hilfreich. Oder Magnete, die die Buchstaben zusammenziehen.
Man kann auch üben, indem man zwei je einen Konsonant (z.b. M, F, L, P) mit den Vokalen als Leseleiter verbinden lässt – im Video machen wir das mit „m“ einmal vor. Ich führe den Finger und erkläre dem Kind, es soll den Laut solange sprechen, bis der Finger am nächsten laut ist und diesen dann gleich sprechen.

Wie kannst Du diese Phase unterstützen?

📗 Kurze Silben aus bekannten Buchstaben legen: MA ME MI MO MU
📗 Leichte (lautgetreue) Wörter anbieten OPA OMA POPO
📗 mit dem Finger mitlesen

 

 

Stufe 5 und 6: Wörter lesen/ Automatisieren von Teilprozessen

Wenn Dein Kind das zusammenschleifen (Synthese) der Buchstaben verstanden hat, geht es darum, das erlernte zu vertiefen. Auch hier ist es sehr sinnvoll, auf der entsprechenden Ebene zu üben. Es macht beispielsweise keinen Sinn, dem Kind das Wort „Koryphäe“ zum Lesen zu geben (ja, ich überspitze 😃 ), wenn es noch Schwierigkeiten hat, Silben zusammenzuziehen. An vielen Schulen gibt es die „jeden Tag 10 Minuten Lesen“ Aufgaben – diese kannst Du sinnvoll füllen, indem Du Deinem Kind in dieser Zeit Material auf seiner Lesestufe anbietest:

📗 Silbenlesen – Materialideen
📗 Blitzlesen (kleine, häufige Wörter wie und, du ……)- Material gibt es hier jede Menge kostenlos
📗 Wortdosen (Wortverständnis, Lernen komplexerer Laute wie Ei/ Pf…. ) – sind hier schön erklärt.

 

Im nächsten Blogbeitrag werde ich mich mit der sinnvollen Förderung der Lesegeschwindigkeit ab der 3. Klasse (nach Abschluß des Leselehrgangs) beschäftigen.

Literatur

[1] Valtin, Renate (1997) Stufen des Lesen- und Schreibenlernens. Schriftspracherwerb als Entwicklungsprozeß. In: Haarmann, D. (Hg.) Handbuch Grundschule. Weinheim u. Basel: Beltz, 76-88

[2] Jansen, Streit, Fuchs (2012), Lesen und Rechstschreiben lernen nach dem IntraAct Plus-Konzept, Springer Verlag

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