Lerntherapie Dr. Dina Beneken

Verdacht auf Dyskalkulie oder Legasthenie – Diagnose ja oder nein?

von | Sep 30, 2019 | Förderbedarf, Lesen, Motivation, Rechnen

Wenn Schulkinder Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben und Rechnen haben, ist oft der Ruf nach einer Diagnose nicht weit entfernt. Die Schule fragt, ob man nicht auf Legasthenie oder Dyskalkulie testen lassen wolle. Schaut man sich in Internetforen oder Facebookgruppen um, liest man oft als schnelle Antwort auf die Frage von Eltern „Soll ich mein Kind testen lassen?“: Die Antwort:“ Ja mach mal, das kann nicht schaden“.

Diagnose: Kann doch nicht schaden? Einfach mal ins Blaue testen?

Meine Meinung: Um Gottes Willen. Bitte denke immer nach, bevor Du mit Deinem Kind zum Arzt gehst. Warum? Es gilt, sich einiges im Vorfeld zu überlegen. Nicht selten kommen Eltern zu mir, die sich von einer Diagnostikmühle geradezu überrannt fühlen. 

Achtung:Eine ärztliche Diagnose ist nicht so leicht wieder rückgängig zu machen. Einmal gestellt, ist sie vorhanden. 

 

Mein Kind hat Schwierigkeiten mit dem Rechnen/ Schreiben/ Lesen. Ist es krank?

Nein. Natürlich nicht. Probleme mit dem Schulstoff der Grundschule können die unterschiedlichsten Ursachen haben. Wenn Dein Kind getestet wird, bist Du danach genauso schlau wie vorher: Dein Kind hat Probleme beim Lesen/ Schreiben oder Rechnen. 

Was kannst Du tun, wenn Du unsicher bist?

  • einen kühlen Kopf bewahren. Solche Entscheidungen müssen nicht heute getroffen werden, Du darfst darüber solange schlafen, so lange Du möchtest.
  • Stelle Dir diese Fragen, um Dich zu sortieren:
    1. Was ändert sich für Dein Kind, wenn es eine Diagnose bekommt? Welche Diagnose „erhofft“ sich dritte Parteien?
    2. Warum wurde Dir eine Diagnostik empfohlen? Siehst Du das genauso? Willst Du es?
    3. Benötigst Du die Diagnose, um Deinem Kind zu helfen oder ginge es auch anders?
  • Wenn Du eine Legasthenie/ Dyskalkulie Diagnose anstrebst, überlege vorher folgendes:
    1. Welchen sonstigen Tests willst Du zustimmen? Möchtest Du eine umfassende Abklärung auf andere Störungsbilder (AD(H)S, Autismus, …..)? Was würde eine weitere Diagnose mit Deinem Kind machen? Welche Folgen hätte sie?
    2. Vertraust Du der testenden Stelle? Kannst Du offen mit ihnen reden? Fühlst Du Dich und Dein Kind dort gut aufgehoben?

Du kennst Dein Kind wie kein anderer

Niemand kennt Dein Kind so gut wie Du. Wie gut kennt derjenige, der auf eine Diagnose drängt, Dein Kind? Wie lange unterrichtet er es schon? Hat er eine besondere Ausbildung, um Störungsbilder zu erkennen?

Niemand kann Dich zu einer Diagnostik zwingen. Du hast die Fürsorgepflicht, Du entscheidest, ob und wenn ja wann Du welche Schritte einleitest. Nur Du. Lass Dich nicht drängen und Dir nichts einreden. 

Dein Kind hat Schwierigkeiten in Mathe oder Deutsch – es braucht Hilfe. 

Was wird die Schule anbieten, wenn das Kind die Diagnose „Legasthenie“ oder „Dyskalkulie“ bekommt?

Du wünscht Dir natürlich eine besondere Unterstützung. Frage in der Schule nach – was passiert nach der Diagnose? Gibt es eine besondere Unterstützung, z.b. in Form von Förderstunden? In welcher Form? Wäre dies auch ohne Diagnose möglich (Immerhin leben wir in Zeiten der Inklusion – da sollte doch das ein oder andere gehen)?

Mögliche Unterstützung für Kinder mit Legasthenie

Klassischerweise gibt es diese Möglichkeiten bei Legasthenie und gleichzeitigem Vorliegen einer Drohung einer seelischen Behinderung (der sogenannte §35a):

  • Nachteilsausgleich: Für einen Nachteilsausgleich ist in der Regel ein Kinderpsychiatrisches Gutachten erforderlich. Der Nachteilsausgleich wird beantragt und in der Klassenkonferenz genehmigt. Er wird individuell angesetzt und kann Hilfen umfassen wie:
    • Texte größer kopieren,
    • ein Arbeitsplatz vorne im Klassenzimmer,
    • Zeitzugaben bei Arbeiten,
    • vorlesen von Aufgaben,
    • und vieles mehr.

Vieles davon lässt sich auch unbürokratisch ohne Stempel umsetzen. Wenn die Schule das will.

  • Notenschutz: bedeutet, dass die Rechtschreibleistung nicht in die Notengebung einfließt. Dies ist auf dem Zeugnis vermerkt. Wünscht man diesen Vermerk nicht, muss der Notenschutz rechtzeitig wieder aufgehoben werden. Beispielsweise möchten viele Jugendliche diesen Vermerk nicht in ihrem Abschlusszeugnis stehen haben.
  • Zieldifferente Beschulung
    Das bedeutet, dass das Kind andere Aufgaben bekommt als seine Mitschüler und anders bewertet wird. Es läuft sozusagen neben der Klasse mit. Fragen, die in diesem Zusammenhang wichtig sind: Wer erklärt dem Kind seinen Stoff? Kann das Kind den Stoff alleine überhaupt bearbeiten? Welche Lernziele gibt es, welche Schulform strebt das Kind an?

In allen 3 Fällen gilt die Frage: Ergibt sich daraus eine zusätzliche Förderung des Kindes in Deutsch/ Mathematik und wie wird diese aussehen? Geht die Schule davon aus, dass eine externe Lerntherapie stattfindet? Wenn ja, ist eine Zusammenarbeit zwischen Therapeuten und Schule möglich?

Hilft das meinem Kind denn wirklich?

All diese Maßnahmen können eine Hilfe sein, wenn das Kind schon sehr verzweifelt ist und die Noten seinem Selbstwert schaden. 

Allerdings verändern sie auch alle nichts an der momentanen Situation. Dein Kind benötigt Unterstützung, um das Lesen, Schreiben oder Rechnen zu lernen. Dafür braucht es:

– Förderunterricht oder
– Lerntherapie oder
– passende Förderung zuhause

oder eine beliebige Kombination. Am wichtigsten ist hier eine fundierte Lernstandsanalyse, die offen legt, wo genau das Kind steht und welche Schritte nun als nächstes gegangen werden sollen. Ein Plan, wie Dein Kind diese Schritte gehen kann und wer das mit ihm wie lernt. 

Welche Vor- und Nachteile hat eine Diagnose?

Wenn ein Kind mit ständigem Üben nicht weiterkommt, nur noch schlechtes Feedback bekommt, dann leidet sein Selbstwert. Diesen Kindern kann es helfen, den Notendruck wegzunehmen, damit sie sich in Ruhe auf das Aufholen der Lücken konzentrieren können. Es sollte in jedem Fall angestrebt werden, diese Maßnahmen nur über einen bestimmten Zeitraum einzuführen, denn:

Es kann leicht passieren, dass diese Erleichterung dazu führt, dass das Problem als erledigt angesehen wird. Wer ist jetzt zuständig dafür, dass das Kind diese Lücken schließt? Lässt sich das Kind noch motivieren, zu üben? Die Noten in der Schule kann es damit nicht mehr verbessern. Leicht wird dann der Fokus auf das gelegt, womit es sich verbessern kann und beispielsweise ein Übertritt an die Wunschschule ermöglicht wird.

Diagnosen annehmen? Legastheniker sein?

Es kommt nicht selten vor, dass Kinder ihre Diagnose so annehmen, dass sie quasi nur noch daraus bestehen. „Ich bin halt Legastheniker, ich kann das einfach nicht“. „Ich bin zu blöd, ich kann kein Mathe – hab ich schriftlich“. „Sagt ja auch die Schule, deswegen muß ich dies und jenes nicht mitmachen“. Das hat auch täglich Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl. Wenn man Pech hat, löst man mit der vermeintlichen Erleichterung das Problem nicht, sondern verschärft es nur.

Wirklich effektive Hilfe: Der Unterschied zwischen einer Diagnose und einer Lernstandsanalyse.

Wenn ein neuer Schüler zu mir kommt, bringen die Eltern oft Berge von Untersuchungen und Diagnosen. Aber was weiß man denn, wenn man das genau liest? Nichts. Naja, nicht ganz.
Wir wissen: Das Kind rechnet/ schreibt/ liest schlechter als seine Altersgenossen. Genauer gesagt: es ist schlechter als die Gruppe, gegen die es gemessen wurde.

Wir wissen nicht:
– wie war der bisherige Mathematikunterricht aufgebaut?
– welche Probleme hat das Kind denn nun genau beim Rechnen?
– wo fangen die Verständnisprobleme an?

Die Diagnose macht also nur eine Schublade auf und bringt keine Hilfe.

Was hilft denn nun?

Eine gründliche Analyse der Problematik. Lerntherapeuten machen immer eine eigene Lernstandsanalyse: Was kann das Kind schon? Was hat es verstanden? Welche Fehlerbilder treten auf und woran kann das liegen? Ich möchte das an einem Beispiel erläutern:

Angenommen, ein Rechentest fällt im Bereich „1*1“ schlecht aus. Nun muss man sich folgende fachliche Fragen stellen:
Hat das Kind das 1*1 grundlegend verstanden oder ist ihm einfach nicht klar, was 4*5 eigentlich bedeutet? Wie sicher rechnet das Kind + und – Aufgaben im Bereich bis 100?
Nicht vergessen darf man bei Tests auch immer: Wie fit war das Kind am Tag des Tests? WIe gut kam es mit der Person, die den Test durchgeführt hat, zurecht? War ihm klar, was es tun sollte?

Ein Lerntherapeut wird alle diese Fragen berücksichtigen. Es geht nicht darum, eine Aufgabe in einer bestimmten Zeit zu bearbeiten, sondern darum zu verstehen, was das Kind bei dieser Aufgabe denkt. Wieso es „hängt“. Dafür kann und soll man sich immer die Zeit nehmen, anstatt stumpf einen Test abzuarbeiten.

Die Förderung basiert auf dem Ergebnis der Analyse

Je nach Ergebnis der Lernstandsanalyse wird dann die Förderung aufgebaut. Es macht schlicht keinen Sinn, das 1*1 auswendig zu lernen, um eine gute Note im Test zu bekommen, wenn der Zusammenhang zur Addition nicht verstanden wurde. Dieses Wissen wäre also absolut nutzlos und auch ziemlich schnell wieder vergessen- alleine schon deshalb, weil es nicht wirklich angewendet werden kann.

Die Lernstandsanalyse muss also unabhängig von vorherigen Diagnosen durchgeführt werden, damit dem Kind effektiv geholfen werden kann.

Ist eine Diagnose also grundsätzlich schlecht?

Nein! Das kann man so nicht sagen. Beide Entscheidungen haben Vor- und Nachteile. Wichtig finde ich: Im Vorfeld Gedanken machen, damit man eine bewusste Entscheidung treffen kann. Denn das wichtigste bei allen Überlegungen diesbezüglich bleibt: Wie kann mein Kind am besten unterstützt werden? 

Was kann ich für Dich tun?

-> Du möchtest eine gründliche Analyse des Lernstands Deines Kindes haben? Vielleicht ist mein neues Programm „Survival Training Grundschule“ etwas für Dich – dort begleite ich Dich online bei der Förderung Deines Kindes. Damit das Lernen trotz Schwierigkeiten nicht den Alltag dominiert.

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