Verdacht auf Dyskalkulie oder Legasthenie – Diagnose ja oder nein?

von | Sep 30, 2019 | Förderbedarf, Lesen, Motivation, Rechnen

Lernräume
Integrative Lerntherapie – Dr. Dina Beneken

Fit in den Grundkompetenzen –
selbstbewusst in der Schule

Wenn Kinder Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben und Rechnen haben, ist oft der Ruf nach einer Diagnose nicht weit entfernt. Die Schule fragt, ob man nicht man testen lassen wolle. Schaut man sich in Foren um, liest man oft eine schnelle Antwort auf die Frage von Eltern „Soll ich mein Kind testen lassen?“: Die Antwort:“ Ja mach mal, das kann nicht schaden“.

Kann doch nicht schaden? Einfach mal ins Blaue testen?

Meine Meinung: Um Gottes Willen. Bitte denke immer nach, bevor Du mit Deinem Kind deswegen zum Arzt gehst. Warum? Generell bin ich für dieses Vorgehen: 

  • Kühlen Kopf bewahren. Solche Entscheidungen müssen nicht heute getroffen werden, man darf darüber solange schlafen, wie man benötigt.
  • Fragen stellen:
    1. Was ändert sich für mein Kind, wenn es eine Diagnose bekommt? Welche Diagnose „erhofft“ sich die Schule?
    2. Wie kommen die Ratgeber darauf? Schreibe Dir ihre Argumente auf. Siehst Du das genauso?
    3. Gibt es auch andere Möglichkeiten, Deinem Kind zu helfen?
  • Wenn Du eine Legasthenie/ Dyskalkulie Diagnose anstrebst, überlege vorher folgendes:
    1. Welchen Tests willst Du zustimmen? Möchtest Du eine umfassende Abklärung auf andere Störungsbilder (AD(H)S, Autismus, …..)? Was würde eine weitere Diagnose mit Deinem Kind machen? Welche Folgen hätte sie?
    2. Vertraust Du der testenden Stelle? Kannst Du offen mit ihnen reden? Fühlst Du Dich und Dein Kind dort gut aufgehoben?

Kühler Kopf: Das wichtigste

Als erstes: Niemand kennt Dein Kind so gut wie Du. Wie gut kennt derjenige, der auf eine Diagnose drängt, Dein Kind? Wie lange unterrichtet er es schon? Hat er eine besondere Ausbildung, um Störungsbilder zu erkennen? Es ist wichtig zu wissen, dass die Eltern die Fürsorgepflicht haben. Du entscheidest, ob und wenn ja welche Schritte eingeleitet werden. Nur Du.

Es ist nicht zu übersehen. Das Kind kann es einfach nicht so gut wie die anderen.

Jetzt geht es um die Frage: Wem nutzt die Diagnose einer Legasthenie oder Dyskalkulie? Was ist die Konsequenz?

Was wird die Schule anbieten, wenn das Kind mit einer Diagnose kommt? Gibt es eine besondere Unterstützung? In welcher Form? Wäre dies auch ohne Diagnose möglich (Immerhin leben wir in Zeiten der Inklusion – da sollte doch das ein oder andere gehen)?

Klassischerweise gibt es diese Möglichkeiten bei Legasthenie und gleichzeitigem Vorliegen einer Drohung einer seelischen Behinderung (der sogenannte §35a):

  • Nachteilsausgleich: Für einen Nachteilsausgleich ist in der Regel ein Kinderpsychiatrisches Gutachten erforderlich. Der Nachteilsausgleich wird beantragt und in der Klassenkonferenz genehmigt. Er wird individuell angesetzt und kann Hilfen umfassen wie:
    • Texte größer kopieren
    • Ein Arbeitsplatz vorne/ hinten im Klassenzimmer
    • Zeitzugaben bei Arbeiten
    • Vorlesen von Aufgaben
    • und vieles mehr

Vieles davon lässt sich auch unbürokratisch ohne Stempel umsetzen. Wenn die Schule das will.

  • Notenschutz: Notenschutz bedeutet, dass die Rechtschreibleistung nicht in die Notengebung einfließt. Dies ist auf dem Zeugnis vermerkt. Wünscht man diesen Vermerk nicht, muss der Notenschutz rechtzeitig wieder aufgehoben werden. Beispielsweise möchten viele Jugendliche diesen Vermerk nicht in ihrem Abschlusszeugnis stehen haben.
  • Zieldifferente Beschulung
    Das bedeutet, dass das Kind andere Aufgaben bekommt als seine Mitschüler und anders bewertet wird. Es läuft sozusagen neben der Klasse mit. Fragen, die hier wichtig sind: Wer erklärt dem Kind seinen Stoff? Kann das Kind den Stoff alleine überhaupt bearbeiten? Welche Lernziele gibt es, welche Schule strebt das Kind an?

In allen 3 Fällen gilt die Frage: Ergibt sich daraus eine zusätzliche Förderung des Kindes in Deutsch/ Mathematik und wie wird diese aussehen? Geht die Schule davon aus, dass eine externe Lerntherapie stattfindet? Wenn ja, ist eine Zusammenarbeit zwischen Therapeuten und Schule möglich?

 

Welche Vor- und Nachteile hat eine Diagnose?

Wenn ein Kind mit ständigem Üben nicht weiterkommt, nur noch schlechtes Feedback bekommt, dann leidet sein Selbstwert. Diesen Kindern kann es helfen, den Notendruck wegzunehmen, damit sie sich in Ruhe auf das Aufholen der Lücken konzentrieren können. Es sollte in jedem Fall angestrebt werden, diese Maßnahmen nur über einen bestimmten Zeitraum einzuführen, denn:

Es kann leicht passieren, dass diese Erleichterung dazu führt, dass das Problem als erledigt angesehen wird. Wer ist jetzt zuständig dafür, dass das Kind diese Lücken schließt? Lässt sich das Kind noch motivieren, zu üben? Die Noten in der Schule kann es damit nicht mehr verbessern. Leicht wird dann der Fokus auf das gelegt, womit es sich verbessern kann und beispielsweise ein Übertritt an die Wunschschule ermöglicht wird.

Diagnosen annehmen? Legastheniker sein?

Es kommt nicht selten vor, dass Kinder ihre Diagnose so annehmen, dass sie quasi nur noch daraus bestehen. „Ich bin halt Legastheniker, ich kann das einfach nicht“. „Ich bin zu blöd, ich kann kein Mathe – hab ich schriftlich“. „Sagt ja auch die Schule, deswegen muß ich dies und jenes nicht mitmachen“. Das hat auch täglich Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl. Wenn man Pech hat, löst man mit der vermeintlichen Erleichterung das Problem nicht, sondern verschärft es nur.

Wirklich effektive Hilfe: Der Unterschied zwischen einer Diagnose und einer Lernstandsanalyse.

Wenn ein neuer Schüler zu mir kommt, bringen die Eltern oft Berge von Untersuchungen und Diagnosen. Aber was weiß man denn, wenn man das genau liest? Nichts. Naja, nicht ganz.
Wir wissen: Das Kind rechnet/ schreibt/ liest schlechter als seine Altersgenossen. Genauer gesagt: es ist schlechter als die Gruppe, gegen die es gemessen wurde.

Wir wissen nicht:
– wie war der bisherige Mathematikunterricht aufgebaut?
– welche Probleme hat das Kind denn nun genau beim Rechnen?
– wo fangen die Verständnisprobleme an?

Die Diagnose macht also nur eine Schublade auf und bringt keine Hilfe.

Was hilft denn nun?

Eine gründliche Analyse der Problematik. Lerntherapeuten machen immer eine eigene Lernstandsanalyse: Was kann das Kind schon? Was hat es verstanden? Welche Fehlerbilder treten auf und woran kann das liegen? Ich möchte das an einem Beispiel erläutern:

Angenommen, ein Rechentest fällt im Bereich „1*1“ schlecht aus. Nun muss man sich folgende fachliche Fragen stellen:
Hat das Kind das 1*1 grundlegend verstanden oder ist ihm einfach nicht klar, was 4*5 eigentlich bedeutet? Wie sicher rechnet das Kind + und – Aufgaben im Bereich bis 100?
Nicht vergessen darf man bei Tests auch immer: Wie fit war das Kind am Tag des Tests? WIe gut kam es mit der Person, die den Test durchgeführt hat, zurecht? War ihm klar, was es tun sollte?

Ein Lerntherapeut wird alle diese Fragen berücksichtigen. Es geht nicht darum, eine Aufgabe in einer bestimmten Zeit zu bearbeiten, sondern darum zu verstehen, was das Kind bei dieser Aufgabe denkt. Wieso es „hängt“. Dafür kann und soll man sich immer die Zeit nehmen, anstatt stumpf einen Test abzuarbeiten.

Die Förderung basiert auf dem Ergebnis der Analyse

Je nach Ergebnis der Lernstandsanalyse wird dann die Förderung aufgebaut. Es macht schlicht keinen Sinn, das 1*1 auswendig zu lernen, um eine gute Note im Test zu bekommen, wenn der Zusammenhang zur Addition nicht verstanden wurde. Dieses Wissen wäre also absolut nutzlos und auch ziemlich schnell wieder vergessen- alleine schon deshalb, weil es nicht wirklich angewendet werden kann.

Die Lernstandsanalyse muss also unabhängig von vorherigen Diagnosen durchgeführt werden, damit dem Kind effektiv geholfen werden kann.

Ist eine Diagnose also grundsätzlich schlecht?

Nein! Das kann man so nicht sagen. Beide Entscheidungen haben Vor- und Nachteile. Wichtig finde ich: Im Vorfeld Gedanken machen, damit man eine bewusste Entscheidung treffen kann. Denn das wichtigste bei allen Überlegungen diesbezüglich bleibt: Wie kann mein Kind am besten unterstützt werden? 

Was kann ich für Dich tun?

-> Du möchtest eine gründliche Analyse des Lernstands Deines Kindes haben? Vielleicht ist mein neues Programm „Survival Training Grundschule“ etwas für Dich – dort begleite ich Dich online bei der Förderung Deines Kindes. Damit das Lernen trotz Schwierigkeiten nicht den Alltag dominiert.

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