Lerntherapie Dr. Dina Beneken

Selbstkontrolle in der Grundschule – wirklich hilfreich oder sogar schädlich?

von | Nov 3, 2020 | Lernen, Konzentration, Motivation

Die Sache mit der Selbstkontrolle schulische Arbeiten – hilfreich oder kontraproduktiv?

Selbstkontrolle bei schulischen Arbeiten steht hoch im Kurs. An allen praktisch allen Schulen werden die Aufgaben auf Arbeitsblätter und -Hefte darauf ausgelegt, dass Schüler und Schülerinnen sich nach Beendigung der Aufgabe selbst kontrollieren und berichtigen.

Was möchte man damit erreichen? Ich gehe hier auf einzelne Aspekte der Fehlerkontrolle ein.

Kinder sollen früh lernen, ihre Fehler selbst zu sehen und sie zu korrigieren.

Um aus diesen Fehlern dann etwas zu lernen undsie beim nächsten Mal nicht mehr machen.
Das Prinzip ist von Maria Montessori bekannt. Der Gedanke dahinter: Wer den Fehler selbst findet, wird nicht von außen darauf hingewiesen und wird nicht durch Hinweise der Lehrperson demotiviert.

Die erste Fehlannahme: Kinder werden demotiviert, wenn andere ihre Fehler finden.

Die Annahme, dass Kinder durch Hinweise anderer auf ihre Fehler demotiviert werden, ist schlicht und ergreifend falsch. Selbstverständlich kommt es immer auf die Art und Weise an, wie man mit dem Kind spricht – das steht außer Frage. Aber wenn die Beziehung zueinander stimmt, ist es selbstverständlich überhaupt kein Problem, dem Kind zu erklären, dass es hier etwas falsch gemacht hat. Wer seinen Kindern einen ordentlichen Umgang mit Fehlern vorleben möchte, macht dies am Besten durch Vorleben. Mit dem Kind.

Mit Fehlern umgehen ist eine Kompetenz, die für das Lernen unabdingbar ist. Wenn Du Dein Kind unterstützen möchtest, das Lernen „von der Pike auf“ zu lernen und gemeinsam mit ihm herausfinden möchtest, wie es am besten lernt, dann unterstütze ich Dich im Lernkompetenztraining dabei. Lernkompetenzen muss man sich erarbeiten – aber dann hat man sie fürs Leben. Selbstverständlich mit einem Kapitel über den Umgang mit Fehlern ;).

Die Art und Weise wie wir mit Fehlern umgehen, überträgt sich auf unsere Kinder.

Kreiden wir den Fehler an oder nehmen wir ihn als Hinweis? Folgt dem entdeckten Fehler eine unangenehme Aufgabe oder folgt ihm ein anderer Weg des Lehrens? Versetzen wir uns in unser Kind. Es bekommt einen Aufsatz zurück, der von Fehlern wimmelt. Die Konsequenzen können je nach Lehrperson unterschiedlich sein. Die eine erwähnt die wunderbar entwickelte Geschichte, die Wortwahl und den schönen Schluss. Sie spricht den Aufsatz mit dem Kind durch und erklärt ihm, wieso unterschiedliche Satzanfänge die Geschichte noch spannender machen. Sie lässt das Kind mündlich Alternativen finden und zeigt ihm die Technik, eine Geschichte noch einmal zu überarbeiten, damit der nächste Aufsatz stilistisch besser ist. Die Rechtschreibfehler analysiert sie und passt ihren Rechtschreibunterricht entsprechend an.
Oder das Kind bekommt den Aufsatz wieder mit der Information: Schreibe den Aufsatz als Hausaufgabe ordentlich und fehlerfrei ab.
Welche Rückmeldung wird dem Schüler helfen, bessere Aufsätze zu schreiben? Welche Vorgehensweise wird das Kind unterstützen, seine Rechtschreibkompetenzaufzubauen?

Qualifiziertes Feedback ist unbezahlbar

Dieses Beispiel zeigt sehr gut, dass die qualifizierte Rückmeldung einer kompetenten Person wesentlich mehr zu leisten vermag, als die einfache Rückmeldung eines Fehlers – sei er nun selbst entdeckt aufgrund einer Musterlösung oder verbessert ohne weitere Erklärung.
Kinder haben es verdient, dass wir uns mit ihnen und ihren Fehlern beschäftigen. Dass wir entscheiden, wann es sinnvoll ist, dass sie es selbst lernen („Versuch und Irrtum“) und wann wir sie unterstützen. Insbesondere bei schulischen Inhalten brauchen Kinder unsere kompetente Unterstützung. Lesen, Schreiben und Rechnen sind Kulturgüter, die man nicht lernt, wenn man lange genug wartet. Kinder haben ein Recht darauf, dass wir sie liebevoll korrigieren und anleiten. Ob das für das Kind eine Katastrophe ist, liegt in unserer Hand und Verantwortung.

Aus der selbständigen Fehlerkorrektur lernt mein Kind, wie es richtig geht.

Das ist ein Trugschluss. Die Information, dass eine Lösung falsch ist – ohne Angabe von Gründen – ist alles andere als hilfreich. Mit dieser Information lernt ein Kind höchstens, wie es ein „richtig gelöstes“ Arbeitsblatt abliefert und Mehrarbeit vermeidet (eventuell weil es einen Fehler übersehen hat und diesen dann am nächsten Tag korrigieren muss?).
Im schlechtesten Fall kann ein Kind so ohne Verständnis des Lehrinhaltes eine korrekte Lösung abliefern und Lehrer, Eltern und Kind selbst in der Annahme lassen, es hätte die Inhalte verstanden.

Selbstkontrolle hindert Lehrkräfte, ihren Lehrerfolg zu überprüfen

Die Selbstkontrolle hindert uns, zu sehen ob unserer Erklärungen Erfolg hatten, ob das Kind verstanden hat, worum es wirklich geht. Perfektionistische Kinder bleiben in ihrer Enttäuschung alleine zurück, weil ihnen keiner erklärt, wie es wirklich ginge. Wer einen systematischen Fehler macht, benötigt Erklärungen, um sie in Zukunft zu vermeiden. Und eine Lehrkraft kann nur dann etwas neu erklären, wiederholen oder festigen, wenn sie sieht, was bei den Schülern auch wirklich angekommen ist.

Lernen aus Fehlern – nur mit Forschergeist und Interesse

Für einen Erkenntnisgewinn aus einem Fehler sind nach dem Erkennen selbst noch einige weitere Schritte notwendig: Die Forschung. Wenn ein Fehler entdeckt wurde, sollte die Forschung nach der richtigen Antwort an der nächsten Stelle stehen. Tut sie aber nicht, wenn die Antwort bereits vorgegeben ist. Die Versuchung, diese dann einfach hinzunehmen, ist hoch. Lernfaktor: 0.
Ich kenne wenig Kinder, die in einer Leseprobe nochmal nach der Textstelle suchen, wenn eine Antwort nicht passt. Oder sich Hilfe holen, wenn die Subtraktionsaufgaben alle falsch waren. Dann heißt es „Minusrechnen kann ich halt nicht“ und das war es. Kinder haben eine qualifizierte Rückmeldung, eine qualifizierte Analyse der Fehler und eine qualifizierte Anleitung („Lehre!“) verdient, wie sie Aufgaben dieser Art richtig lösen können.

Fehleranalyse – Aufgabe der Lehrkraft

Eine solche Fehleranalyse, das Ziehen der richtigen Rückschlüsse, das ergreifen der passenden Maßnahmen – all das kann nur ein Mensch leisten. Jemand, zu dem das Kind eine stabile Beziehung und Vertrauen hat, der sich die Mühe macht, den Fehler zu analysieren und dann entscheidet, wie damit umzugehen ist. Man muss auch nicht jeden Fehler thematisieren. Das Ziel ist nicht, fehlerfrei zu sein.

Beispiel? Wenn in einem Rechtschreibtest Wörter falsch geschrieben werden, deren Regeln das Kind noch nicht gelernt hat, kann man das ohne großes Aufheben links liegen lassen. In der zweiten Klasse muss ein Kind das Wort „Chrysantheme“ nicht fehlerfrei hinschreiben können, natürlich darf es auch mal abgelenkt sein oder einen schlechten Tag haben. All das kann aber nur jemand beurteilen, der dieses Kind kennt. Der weiß, ob diese Fehler systematisch sind oder eben einfach mal passiert sind. Und es dann entsprechend anleitet.

Mit der Fehlerkontrolle lernt man, seine Arbeiten zu überprüfen

Die Kompetenz, seine eigenen Werke zu prüfen, bevor man sie abgibt, kann man nicht früh genug trainieren. Dafür benötigen Kinder allerdings mehr als eine Musterlösung, mit der sie ihre Ergebnisse vergleichen. Sie benötigen eine Technik. In der Grundschule kann das gut mit Checklisten geübt werden.
Beispiel: systematisches Überprüfen eines Textes, Gegenlesen von mathematischen Aufgaben. Das funktioniert mit bestimmten Techniken und dem Gegenlesen seines Werkes auf bestimmte Aspekte, wie Gestaltung, Rechtschreibung, Einhaltung der Form. Das hat allerdings mit der Standard-Selbstüberprüfung in Form lustiger „Lösungswörter“ oder „Vergleiche mit der Musterlösung“ nichts gemein.

Eine wirkungsvolle Selbstüberprüfung in der Grundschule kenne ich schlicht und ergreifend nicht.
Entweder die Kinder haben die Inhalte verstanden, dann können Sie mit der Selbstüberprüfung Flüchtigkeitsfehler auftreiben. Wenn die Kinder dann bereits die Kompetenz haben, diese zu finden und zu korrigieren, feine Sache.
Aber wenn Kinder aber den Kern des Problems nicht verstanden haben und darauf die Fehler resultieren, brauchen sie einen kompetenten Partner an ihrer Seite. Nur so haben sie die Chance aus Fehlern zu lernen.

Was brauchen Kinder zum Lernen?

  • klares und schnelles Feedback: Das war richtig, das war falsch.
  • qualifizierte Analyse des Fehlers und entsprechendes reagieren des Erwachsenen. In Mathematik kommt es ganz besonders nicht auf die richtige Lösung an (!) sondern auf den richtigen Gedankengang.
  • die Freiheit, Fehler machen zu dürfen und sich auszuprobieren.

Die Fallen bei Selbstkontrollen

Was sehe ich häufig, wenn Kinder mit Selbstkontrolle lernen?
Kinder sind gescheit, die Selbstkontrolle dämlich.
Beispiel: ein Lesetext, der überprüfen soll, ob das Kind den Inhalt verstanden hat. Es werden Antworten zum Text angeboten neben den Kästchen stehen Buchstaben, die richtigen Buchstaben ergeben ein Lösungswort.
Ich kenne Kinder, die bei solchen Aufgaben kein einziges Wort des Textes (oder der Rechnung) lesen, sondern sich munter das Lösungswort zusammenpuzzeln. Super Kompetenz für Mathe, aber das sinnentnehmende Lesen oder gar Textarbeit lernt das Kind hier natürlich nicht.
Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Kind diese Mühe macht, steigt mit der persönlich empfundenen Schwierigkeit der angebotenen Aufgabe. Ein Kind, das stark in Kombinatorik ist, aber kaum lesen kann, wird den für sich leichteren Weg nehmen. Natürlich.
Wenn richtige Antworten vorgeben werden, wird die letzte Frage in der Regel nicht mehr gelesen, sondern die letzte vorhandene Antwort eingesetzt. Kaum ein Kind macht sich die Mühe, zu schauen ob auch diese Antwort passend ist :). Diejenigen, die es tun, haben bereits einen Anspruch an ihre Arbeitsergebnisse entwickelt.

Fazit:
Unsere Kinder haben es verdient, dass sich ihre Bezugspersonen mit Ihnen und ihren Fehlern beschäftigen.
Sie haben es verdient, dass diese ihre Ergebnisse hinterfragen und herausfinden, was noch nicht verstanden wurde.
Sie haben es verdient, eine fundierte Rückmeldung zu bekommen und eine Anleitung, wie sie diese Fehler in Zukunft vermeiden.

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