Lerntherapie Dr. Dina Beneken

Hausaufgaben – ein wirkungsloses Drama?

von | Sep 30, 2020 | Lernen, Konzentration, Motivation

Die lieben Hausaufgaben – es gibt wenige Themen rund um die Schule, bei denen so viel Einigkeit herrscht:

Hausaufgaben nerven wie die Pest.

Warum schreibe ich nun auch noch darüber? Ich hatte letzte Woche zwei Gespräche mit sehr unterschiedlichen Experten:

Barbara Ohler ist Lehrerin an einer Grundschule und unterstützt Lehrer und Trainer, ihren Traumberuf auch wirklich gewinnbringend ausüben zu können. Wir haben uns
über die Thematik „(schwierige) Elterngespräche“ ausgetauscht (von Lehrer- und Elternseite).
Im Gespräch wünschte sie sich doch mal eine Rückmeldung im Hausaufgabenheft darüber, dass dem Kind die Hausaufgaben so richtig Spaß gemacht haben. Hier stockte unser Gespräch kurz 🙂

Fabian Grolimund ist Psychologe und Lerncoach, Du kennst wahrscheinlich seine Bücher :). Er bildet Lerncoaches aus und bietet Fortbildungen für Eltern an. In unserem Gespräch lag der Fokus auf den verträumten, leisen Kindern.
Oft gehen diese eher erst mal unter, aber sie haben doch die gleichen Schwierigkeiten wie die lauteren Kinder. Und das Hausaufgabenproblem eben auch.
Fabian hat im Gespräch angemerkt, dass Hausaufgaben leider fast wirkungslos seien und die Arbeitszeit auf 30 Minuten in der Grundschule reduziert werden sollte.

(Du findest die Gespräche auf meinem youtube Kanal: Fabian Grolimund  und Barbara Ohler)

Nach diesen sehr unterschiedlichen Gesprächen innerhalb von 4 Tagen musste ich dazu einfach etwas schreiben. Here we go.

Hausaufgaben nerven. JA! Und zwar alle Beteiligten:
– die Kinder, die ewig an selbigen sitzen
– die Eltern, die die Kinder dazu motivieren dürfen, korrigieren und den Erklärbär geben.
– Lehrer, die sie überprüfen müssen.

Warum gibt es denn überhaupt Hausaufgaben?

Ich kenne die ursprüngliche Intention nicht, aber mit gesundem Menschenverstand gedacht:
Sie sollen der Vertiefung und Festigung des Stoffes dienen. Die Hoffnung, dass die Kinder hier den Stoff verinnerlichen, also automatisieren, schwebt über den Hausaufgaben, genauso wie das Thema „Lernen lernen“ und eigenständiges Erarbeiten von Inhalten.

Sind Hausaufgaben „gerecht“?

Nö.
ok, gehen wir etwas tiefer:
– die Lernumgebung, die Kinder zuhause vorfinden, ist extrem unterschiedlich.
– für die einen Kinder ist die Hausaufgabe zu leicht, die anderen zu schwer und die dritten gerade passend.
– Kinder, die mehr üben müssen als andere, tragen ein noch schwereres Paket: sie müssen zusätzlich zu der Hausaufgabe, die mit hoher Wahrscheinlichkeit schon sehr anstrengend für sie ist (weil zu schwierig), auf ihrem Niveau üben und lernen. Gerade für diese Kinder sind die Standardhausaufgaben eine echte Energieverschwendung – Energie, die sie dann an anderer Stelle nicht mehr haben.

Sind Hausaufgaben wirkungsvoll?

Es gibt mehrere Studien (u.a. die berühmte Hattie-Studie) darüber und die Antwort ist: in der jetzigen Form leider nein – vor allem nicht in der Grundschule. Je älter die Schüler, desto wirkungsvoller die Hausaufgaben. Ein Grund dafür könnte die Lernmotivation sein – ein oft vernachlässigter Faktor für gelingendes Lernen. Wenn ein Mensch etwas lernen möchte, ist er aufnahmefähig und kann Übungen wirkungsvoll durchführen. Ein Mensch, der unmotiviert ist, „radelt“ die Übungen ab und sie verpuffen im Nichts. Auch in der Praxis beobachte ich immer wieder, dass die Fähigkeit des Elternhauses, das Kind zu motivieren die Hausaufgaben zu machen, einen großen Einfluss auf den schulischen Erfolg des Kindes hat.

Genauso wie im Lerntraining, was ja nicht verwunderlich ist. Sind Kinder in der Lage, gezielt an etwas zu üben, hat das Üben mit den passenden Materialieb auch Erfolg.
Je jünger die Kinder, desto wichtiger ist der Motivationsfaktor. Ein 2.Klässler hat naturgemäß noch wenig Einsicht, warum Üben sein muss. Ein Oberschüler hat meist seinen Abschluss vor Augen und übt alleine schon deswegen gezielter.

Ernüchternd, vor allem wenn man jeden Nachmittag mit dem Drama konfrontiert ist.

Sollte ich dann die Hausaufgaben einfach canceln?

Nein. Das gibt nur Ärger auf mehreren Ebenen. Warum?
– erster Showstopper: Eltern haben die Pflicht, sich um die Erfüllung der schulischen Aufgaben zu kümmern. Das schließt die Hausaufgaben mit ein.
– zweiter Showstopper: Du bist nicht allein in diesem System – was „alle machen“ nicht zu tun kann anstrengend werden.
– dritter Showstopper: Der Lehrplan baut darauf auf, dass der Stoff zuhause gefestigt wird. Keine Hausaufgaben – keine Übung.

Es scheint, als wären Hausaufgaben heutzutage in den meisten Schulen alternativlos. Musst Du deswegen aufgeben? Nein. Natürlich kannst Du einiges verändern!
In meinem Minikurs „Lernzeit ohne Drama“ setzen wir die Lernzeit in ein zuhause gut umsetzbares Setting: Planung, Organisation, Durchführung. Ohne Anpassung durch Schule oder Dich kannst Du hier schon sehr viel für Dein Kind und Dich bewirken.

Hausaufgaben und Schule: Wie wäre es besser – was können wir ändern?

Möglichkeit 1: Vertiefungs- und Übungszeiten in der Schule anstatt zuhause

Im Zuge der Bildungsgerechtigkeit wäre die Abschaffung der häuslichen Übungen ein großer Schritt nach vorne – WENN die Übungen in der Schule entsprechend begleitet werden. So haben alle Kinder die Chance, mit den gleichen Voraussetzungen zu lernen. Allerdings sind wir dann wieder beim Prinzip „Gießkanne“ – denn viele Kinder benötigen eine intensivere/ andere Hausaufgabenbetreuung, sie lernen anders, sie brauchen andere Übungsformen, sie sind auf einem anderen Lernstand.

Manche Kinder brauchen in der Übungszeit mehr Unterstützung bei der Strukturierung, dem Anfertigen von Hefteinträgen oder der Anleitung zum selbständigen Denken. Andere bauchen fachliche Unterstützung. Wieder andere lernen in Bewegung besser auswendig, andere durch Rezitieren oder durch schreiben. Hier braucht es viel individuelle Zuwendung. Und nicht für jedes Kind oder Familie ist eine Ganztagesschule eine gute Lösung.

Möglichkeit 2: Professionelle Hausaufgabenbetreuung in Anspruch nehmen

Für manche Familien und Kinder ist das Auslagern der Hausaufgaben in der Mittagsbetreuung oder im Hort eine echte Entlastung. Wenn die Eltern-Kind Beziehung durch die Hausaufgaben belastet wird, kann es hilfreich sein, diese bewusst auszulagern. Das ändert zwar am Grundproblem erst einmal nichts – entlastet aber die Familie.

Möglichkeit 3: individualisierte Hausaufgaben – ein individueller Lernplan für die Hausübungen?

Wenn wir schon nicht den Unterricht komplett individualisieren können, die Hausaufgaben kann man sehr leicht anpassen. So können die Kinder, gerade in der Grundschule, ganz spezifische Schwerpunkte in den Hausaufgaben setzen: die einen vertiefen die Technik ihrer Handschrift, die nächsten trainieren die Lesetechnik, die anderen mathematische Fähigkeiten.
Der Vorteil: die Hausübungen werden endlich effektiv, sie können ein Themengebiet intensivieren. Die Kinder könnten sich auf eine Fähigkeit konzentrieren und diese ausbauen, Fortschritte sehen und sich darüber freuen.
individualisierte Hausaufgaben in der Grundschule sind meiner Meinung nach recht gut zu realisieren. Es gibt hervorragende Rechtschreibprogramme, Leseprogramme, Mathematikübungen und Spiele für jeden Lernstand – Systematik ist nicht das Problem, da wurde schon viel erarbeitet.

Erforderlich ist hierfür eine individuelle Lernstandsanalyse mit regelmäßiger Fortschrittskontrolle (idealerweise in Interviewform). Dann lässt sich der Hausaufgabenlernplan auch leicht anpassen.

3 Soforttipps: Wenn die Hausaufgaben eskalieren

  • Hausaufgabenzeit begrenzen. Eltern dürfen die Hausaufgaben abbrechen, wenn eine gewisse Zeit verstrichen ist (mit der Lehrperson absprechen – nicht eigenmächtig umsetzen!).
  • Hausaufgaben priorisieren: Was sollte unbedingt erledigt werden, was kann wegfallen?
  • Hausaufgaben gemeinsam mit dem Kind planen und Mitspracherecht einräumen.

Warum ich Hausübungen dennoch nicht grundsätzlich für sinnlos halte (wenn man sie anpassen kann):

Was? Ernsthaft? Wirst Du jetzt fragen. Ja. Ernsthaft.
Kinder, die es im Schulverbund nicht so leicht haben, können häufig zuhause sinnvoll und gezielt aufholen. Sie haben die Möglichkeit, auf ihrem persönlichen Niveau zu arbeiten und haben die Aufmerksamkeit des Lernpartners (häufig die Eltern) für sich.
In der Hausübung können Kinder wunderbar lernen, wie man sich selbst organisiert und wie man gut für sich lernt. Sie können in ihrem Tempo, ohne Vergleiche mit Klassenkameraden, ohne Zeitdruck oder Langeweile arbeiten. Sie können sich dabei Lernkompetenzen aneignen, die ihnen ihr Leben lang zunutze sind.

Ja, höre ich rufen, das sollte doch die Schule übernehmen!
Ja, antworte ich, aber das ist leider oft nicht so.

Tatsächlich bin ich manchmal froh über die Hausaufgaben. So sehe ich, was mein Kind schon kann und was nicht. Denn sind wir ehrlich: im Zweifel ist der schulische Erfolg des Kindes dem Schulsystem herzlich egal. Da schadet es nicht, wenn Du mitbekommst, wo Dein Kind Schwierigkeiten hat, denn nur dann kannst Du frühzeitig und ohne Drama sanft unterstützen oder andere Maßnahmen einleiten.

Womit wir beim Thema „Verantwortung für Bildung“ wären. Wer ist für die Bildung Deines Kindes verantwortlich? Überträgst Du die Verantwortung komplett oder übernimmst einen Teil?

weiterführende Links zum Thema Hausaufgaben

Die Welt Wissen – Hausaufgaben bringen nichts

Deutsches Schulportal: Sind Hausaufgaben noch notwendig oder längst überholt?

Verändern Hausaufgaben die Persönlichkeit?

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