Wie lernt mein Kind den richtigen Umgang mit Fehlern?

von | Okt 14, 2019 | Erwachsene, Lernen

Lernräume
Integrative Lerntherapie – Dr. Dina Beneken

Fit in den Grundkompetenzen –
selbstbewusst in der Schule

Dieser Beitrag soll Dir zeigen, wie Du Deinem Kind dabei helfen kannst, einen angemessenen Umgang mit Fehlern zu erlernen.

Vielleicht kennst Du das: Da ist er, der Fehler! Entdeckt! Dein Kind wird selbst darauf aufmerksam oder Du findest ihn bei der Kontrolle nach der häuslichen Übung. Und dann? Fliegt der Radiergummi durch die Gegend? Starten Diskussionen? Geht der Frust los?

Mit Fehlern angemessen umzugehen, das will gelernt sein. Und es ist nicht einfach. Wie gehst Du mit Deinen eigenen, selbstgemachten Fehlern um?

Wir alle machen Fehler

Neulich wurde ich freundlich darauf hingewiesen, dass ein Artikel von mir ein paar Rechtschreibfehler enthielt. Ich habe die ein oder andere Rechtschreibreform hinter mir. Früher schrieb man für den Doppelkonsonanten ss gerne mal ein scharfes ß. Das („jenes, welches, dieses – also weiches s“) hat sich beim mir so eingebrannt, dass (kein „jenes, welches, dieses, also ss“) sich das Schriftbild mit einem scharfen ß in meinem Gehirn als unauffällig gedeutet wird. Ich bekomme zwar Bauchschmerzen, wenn ich das Wort „*nähmlich“ lese („wer nämlich mit h schreibt…“), habe aber keine Dissonanz, wenn ich „*muß“ oder „*daß“ schreibe, bei manchen Wörtern bin ich sogar eher richtig mit meinem System – mit freundlichen Grüßen ist nämlich immer noch korrekt. Keine *Grüsse bitte.
 
Was gemerkt? Ich habe mich sofort gerechtfertigt. Statt zu sagen, jup, da könnte ich nochmal nachbessern, erzähle ich WARUM ich so schreibe, wie ich schreibe. Reflex.
 

Wie geht es erst unseren Kindern bei der täglichen Hausaufgabenkontrolle? Glaubt mir, solche Hinweise sind im Erwachsenenalter von Seltenheitswert. Kinder dagegen bekommen sie in der Regel täglich. Täglich!

Welche Stufen durchläuft man nun, egal ob großer oder kleiner Mensch, wenn man auf einen Fehler hingewiesen wird?

 

Stufe 1: Rechtfertigen, Erklären, Gründe finden

Erwischt! Ein oft beobachteter Reflex – auch bei Kindern. „Aber das hat die Lehrerin so erklärt“. „Ganz bestimmt steht das so im Buch“. „Weil ich es weiß“.  Gut bei den Erwachsenen beobachtet, liebes Kind. Kann ja gar nicht sein, dass man selbst einen Fehler macht. Glauben nicht oft die Erwachsenen, dass sie prinzipiell Recht haben? Also dass sie quasi unfehlbar sind? Fühlt es sich für die Kinder nicht so an? Ein Erwachsener kommt, liest ihre Aufgaben durch und deutet zielsicher auf das gefundene Fressen: hier die „*Bine“ dort das „*ferfahren“ – korrigier mal, Kind.
(Wer es anders machen möchte: die Grünstiftmethode ist viel hübscher. Auch optisch: Alle richtig geschriebenen Wörter werden markiert. Sieht besser aus und fühlt sich besser an!)

Stufe 2: Beschämt sein und Ärgern

Mist. Erwischt. Ertappt. Und das mir! Ich bin Lerntherapeutin und arbeite auch mit Kindern, die nicht so gut Rechtschreiben können. Halleluja. Sowas DARF nicht passieren! Und jemand hat es gesehen, dann haben es vielleicht ganz viele gesehen, was denken die jetzt alle über mich? Ich bin ruiniert!

Für unsere Kinder bedeutet das: Großer Mist. Schon wieder sieht mein Nachbar mein knallrotes Heft. Meine Eltern sehen, wie schlecht ich bin, ich kann nichts richtig schreiben. IMMER gibt es nach meiner harten Arbeit Diskussionen. Warum klappt das bei anderen Kindern und nicht bei mir?
Und Ärgern! Je größer der Perfektionismus, desto größer der Ärger über sich selbst. 
Und wer bekommt ihn ab, den Ärger der Kinder? Der Überbringer. Auch kein neues Konzept. In der Geschichte gibt es ja das ein oder andere Beispiel, dass das Überbringen einer schlechten Nachricht dem Boten nicht gut bekommen ist. Ähnlich reagiert Dein Kind: Du bist der Bote der schlechten Nachricht, also bekommst Du seine ganzen Emotionen darüber ab.

Stufe 3: Angst vor Wiederholung

Autsch, das war also ein bisschen unangenehm. Irgendwo im Netz stolpere ich über einen Artikel, in dem beschrieben wird, wie man mit den s-Lauten heute umgeht. Der Schreiber kennt denjenigen, der meinen Fehler gefunden hat. Haben die etwas miteinander über mich …? Beim nächsten Blogbeitrag passe ich auf wie ein Schießhund (das ist positiv, denn natürlich wollen wir ein hübsches, korrektes Dokument veröffentlichen) und träume nach der Veröffentlichung in der Nacht davon, am Morgen eine Mail im Postfach zu haben mit dem Hinweis, dass mein Inhalt eh nicht zähle, weil ich mich ja nicht mal korrekt ausdrücken könnte.

Ok, das ist jetzt übertrieben. So schlimm ist es nicht 😉 aber für ein Kind ist es häufig so:

Kinder bekommen Angst vor dem nächsten Test, schreiben mit angezogener Handbremse, weil sie alles richtig machen wollen. Oder sind emotional schon so angespannt wenn sie jemand korrigiert, dass sie bei einem gefundenen Fehler nicht mehr angemessen reagieren können. Im Extremfall geben sie auf und stempeln sich selbst als dumm und unfähig ab.

 

 

Unser Wunsch: Kinder, die Fehler nicht aus der Bahn werfen.

Wenn ein Kind angemessen mit Fehlern umgehen kann, kann es sich darauf konzentrieren, was wirklich wichtig ist. Am wichtigsten ist, dass Fehler keine Übermacht bekommen. Deswegen ist es so wichtig, sich nicht immer nur auf das zu konzentrieren, was nicht klappt.

Fokus auf den Stärken statt auf den Schwächen

Wenn immer möglich, sollten Fehler nicht die Hauptrolle spielen. Den Blick auf die Stärken lenken und dem Kind zeigen, wie es sich selbst Erfolge erarbeiten kann, auf die es stolz sein wird, ist die Hauptaufgabe eines guten Lernpartners. Eine gute Lernatmosphäre strahlt ein „Du kannst das“ anstatt „das hier ist alles falsch“ aus. Sie ist sicher, gemütlich und vor allem angstfrei. Wie Du das zuhause mit Deinem Kind hinbekommst, zeige ich Dir im Lernkompetenztraining. Der Weg zur Fehlerakzeptanz ist ein wichtiger Schritt, um eine gute Lernatmosphäre zu generieren, denn Fehler vermeiden können wir (naturgemäß) alle nicht (und ist auch nicht das Ziel!). In so einer Atmosphäre ist es auch schon viel leichter, Fehler nicht persönlich zu nehmen.

Ein angemessener Umgang mit Fehlern – Aufgabe der Erwachsenen

Was man in der oben geschilderten Situation nicht sieht ist, welche Gedankenprozesse dabei in mir abgelaufen sind. Was habe ich getan, um den Fehler, den ich gemacht habe, angemessen zu behandeln? Das war so:
Ich habe den Hinweis bekommen und mich gefreut. Hey, da liest jemand meine Texte! (Etwas positives daraus ziehen!). Und da ist jemand, dem ich soviel bedeute, dass er mir sehr wertvolles Feedback schickt. Denn natürlich ist es wichtig, die deutsche Rechtschreibung zu beachten. Daraufhin bin ich wirklich durch die 3 Stufen gegangen, allerdings konnte ich jede viel schneller wieder ins richtige Licht rücken, als ein Kind dies kann. Denn ich habe gelernt, mit Feedback und Kritik umzugehen, ich habe gelernt, dass Fehler nichts schlechtes sind.

Ich gehe davon aus, dass auch Du nicht ausrastest, mit Radiergummis um Dich wirfst oder fluchst, wenn Dir jemand sagt, dass Du heute einen Fehler gemacht hast, Dein Kind es aber trotzdem tut:

Ich schreie aber nicht, wenn mir jemand einen Fehler nachweist. Mein Kind schon! Was kann ich tun?

Du schreist höchstens innerlich (sieht Dein Kind nicht. Es geht nur seinem eigenen Impuls nach, während Du den Impuls bereits kontrollierst).
Und das ist das Problem beim Lernen durch Beobachten: Wat the fish passiert in Dir, wenn Dich jemand bei etwas erwischt, was Dir unangenehm ist und wie kommst Du da wieder raus? Wie bekommen Kinder mit, wenn sich jemand NICHT aufregt?

Kindern helfen, mit ihren Fehlern umzugehen, indem man die Gefühle und den Ablauf ganz konkret verbalisiert.

Indem Du Deinem Kind zeigst, wie Du solche Situationen löst, kann es von Dir lernen. Du kannst beim nächsten Mal, wenn Du Dich innerlich aufregst, die Situation nach außen verbalisieren:

So ein Mist, jetzt habe ich mich hier verschrieben, und habe das erst nach 4 Sätzen gemerkt. Ärgerlich! Ich brauche jetzt erst mal eine Runde frische Luft, dann verbessere ich das“. Nutze jede Gelegenheit – pillepalle Fehler, über die Du bewusst locker hinweggehen kannst, ärgerliche Fehler, die Dich nerven – für Dich ein Geschenk, um Deinem Kind unterschiedlichste Strategien zu zeigen.

Wenn Du Dir bewusst machst, dass sämtliche Strategien für Dein Kind unbemerkt in Dir ablaufen, wird Dir schnell klar, was Du Deinem Kind kommunizieren kannst. Nur so sieht Dein Kind, welchen Kampf Deine Gefühle spielen und wie Du sie dirigierst.

Am Anfang fühlt man sich dabei merkwürdig. Probiere es trotzdem eine Weile aus. Es braucht eine Zeit, bis man seine eigenen Worte für seine Gefühle findet, bis man authentisch sprechen kann. Gib Dir und Deinem Kind diese Zeit. Es lohnt sich.

Gefühle benennen

Jüngeren Kindern hilft es mitunter, wenn man ihre Gefühle verbalisiert. Dieses Konzept wird bei MarteMeo „Benennen“ genannt. Im obigen Beispiell benennst Du Dich. Das macht man bei jüngeren Kindern oft automatisch: „ich gehe kurz in die Küche und komme gleich wieder“. Damit wissen die Kinder, was nun passiert und fühlen sich sicher. Das funktioniert genauso mit Gefühlen – Deinen oder denen des Kindes. „Ich sehe, Du bist gerade sehr durcheinander. Lass uns eine Pause machen“.

Du möchtest wissen, wie Du mit Deinem Kind effektiv lernst?
In meiner kostenlosen Facebookgruppe beantworte ich Fragen. Sie bietet auch einen geschützen Raum zum Austausch untereinander.

Der Ton macht die Musik

Oder: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Die Art und Weise, wie der Bote die Botschaft überbringt, ist entscheident für die Reaktion des Gegenübers.
Manchen Kindern sind ihre Fehler peinlich. Dann ist es mehr als ungeschickt, diese so zu besprechen, dass andere mithören können. Achte darauf, Dein Kind nicht bloßzustellen. Achte ebenso auf die Wort- und Tonwahl und Deine Augenbewegungen. Tipp des Tages:
Statt „wieso klappt das denn schon wieder nicht!“ – einfach mal die Klappe halten. Macht weniger kaputt und hilft viel mehr.

Fehlerfreiheit als Ziel?

Das Ziel ist es nicht, fehlerfrei durch das Leben zu gehen. Wenn man bedenkt, wieviel Fortschritt es nur durch die fehlerhafte Durchführung eines Experimentes oder Gedankenganges entstanden sind, wäre das auch idiotisch. Es ist nicht Ziel eines Diktates, 0 Fehler zu machen, in der Mathearbeit ohne Fehler rauszugehen. Wir üben und Lernen und sind auch im Alter lange nicht perfekt. Perfektion kann nicht das Ziel sein. Fehler passieren und egal ob gute Fehler oder schlechte Fehler – das ist eben so. Wenn man ihn entdeckt, dann korrigiert man ihn und freut sich, dass man ihn gefunden hat.
Menschen sind nicht perfekt, und Lernpartner sind auch nur Menschen. Natürlich solltest Du die Regeln kennen. Aber wenn Du Dich beim 1*1 einmal verrechnest, den Fehler bemerkst und Dein Kind daran teilhaben lässt, lernt es unter Umständen so viel mehr als wenn Du so tust, als wäre nichts passiert. Richtig gewonnen hast Du, wenn ein Kind Dir einen Fehler nachweisen kann.

Dürfen Lernpartner also Fehler machen?

Ja. Lernpartner dürfen nicht nur Fehler machen, sie sollen es auch. Es gibt nichts Schlimmeres für ein Kind, einen vermeintlich perfekten Lernpartner, Lehrer, Eltern zu haben. Geheimtipp: baue offensichtliche Fehler ein, bei denen Du Dich erwischen lässt. Kündige sie an und gib dem Kind einen Buzzer oder eine Klingel. Ihr übt Doppelkonsonanten? Lass das Kind Dich abfragen. Wenn Du einen Fehler machst, darf es klingeln. Eine zweite Runde Lernspaß, die das Kind gar nicht bemerkt, weil es darauf achtet, dass DU einen Fehler machst und nicht darauf, dass es selbst keinen macht. Ein Unterschied, der einen echten Unterschied macht.

Dein Kind braucht etwas mehr als den Standard?
Du willst mit Deinem Kind punktgenau üben?

Im Survival Training Grundschule bekommst Du alles, was Du zum effektiven Lernen mit Deinem Kind benötigst.

Dieser Blog ist werbefrei. Warum ist das so? Möchtest Du meine Arbeit unterstützen? Dann klicke hier.