Ein Gastbeitrag von Sabine Omarow, Legasthenietrainerin in Paderborn: https://www.sabine-omarow.de/

Löst sich eine Legasthenie in Luft auf?

Dieser Satz mag vielen einleuchtend klingen. Kann sich eine Legasthenie in Luft auflösen? Sicher nicht! Und sie tut es auch nicht! Das weiß ich und dennoch erzeugt diese Aussage immer Bauchschmerzen bei mir.

„Ich bin Analphabetin, aber ich kann lesen.“

Das sagte mir eine Frau, Mitte dreißig. Ihre Geschichte bewegte mich sehr, denn als Kind und Jugendliche hatte sie immer wieder gehört, dass sie dumm sei. Nach ihrer Ausbildung beschloss sie: „Ich bin zu dumm, um zu schreiben. Ich bin für einen guten Job zu dumm.“ Deshalb putzte sie, bis ihr Mann sagte, sie solle doch versuchen, eine Umschulung zu bekommen.

„Sie sind ausbildungsresistent!“

Er sah, wie hart ihr Job war und dass sie viel mehr wollte, als immer nur putzen. Beim Jobcenter würde man ihr sicher helfen. Sie könnte eine Umschulung machen. Verena musste einen Test machen, danach bekam sie gesagt: „Sie sind ausbildungsresistent, wir können Ihnen nicht helfen!“ Sie war am Boden zerstört, wie so oft im Leben.

Der Ehepartner machte ihr weiterhin Mut

Verenas Mann fand mich im Internet und so standen sie eines Tages in meiner Tür. Sie vertraute mir sehr schnell und so willigte sie ein, ein Lerntraining bei mir zu machen.

Legasthenie hat man ein Leben lang

„Alle sagen mir, dass ich das nicht mehr lernen kann. Ich habe mich längst abgeschrieben. Ich weiß, dass ich dumm bin.“ Das waren ihre Aussagen. Mir erschien es vom ersten Augenblick an merkwürdig – sie konnte lesen, wollte aber Analphabetin sein.

In der ersten Stunde zitterte sie vor Angst und Scham

Ich begann mit dem Lernen sehr vorsichtig – mit Silben. Sie zitterte vor Angst und Scham. Ich sprach ihr Mut zu und sie schrieb einfache Wörter, alle fehlerlos. Ich diktierte ihr das Wort Mutter. Sie schrieb es auf Anhieb mit tt. Das, was ich vermutete, wurde nun offensichtlich. Verena konnte schreiben, jedoch mit Fehlern.

Zwei Jahre Lerntraining

Zwei Jahre Lerntraining reichten, denn wir gingen alle Strategien und Regeln durch. Viele Aha-Erlebnisse und ihre Erfolge ließen ihr Selbstvertrauen wachsen. Sie schrieb mir die erste SMS in ihrem Leben. Die erste Karte, die sie jemals im Urlaub verschickte, bekam ich. Nach zwei Jahren fühlte sie sich so sicher, dass wir das Training beenden konnten.

Die Leichtigkeit und Sicherheit beim Schreiben

Die Leichtigkeit und Sicherheit beim Schreiben, wie ich es kenne, wird sie noch lange nicht haben. Das ist, was vielleicht bleiben wird. Das Anwenden der Strategien und Regeln wird und muss bleiben. Die Sicherheit stellt sich irgendwann Wort für Wort ein, jedoch nicht generell. Wenn wir ehrlich sind, ist niemand bei jedem Wort absolut sicher. Der Duden ist heute im Internet abrufbar, also kein Problem.

Der Glaube an sich selbst

Der Glaube an sich selbst muss zunächst einmal wiederhergestellt werden. Der Glaube daran, dass auch eine Legasthenie oder Lese-Rechtschreibschwäche in den meisten Fällen in den Griff zu bekommen ist. Es ist möglich! Das ist harte Arbeit und kostet Geld. Leider zahlt kein Jobcenter und ganz selten das Sozialamt dieses Training. Manche Arbeitgeber zahlen ihren besten Arbeitnehmern diese Stunden. Es wäre schön und nützlich, wenn es viel mehr davon geben würde.

Alles sagen mir, dass ich aufgrund meiner Dyskalkulie mein Ziel nicht erreichen kann.

Ein junger Mann soll die Firma seiner Eltern übernehmen und muss deshalb den Meistertitel machen oder studieren. Das Abitur hat er geschafft, obwohl Mathe ein fast Totalausfall war. Schnell wurde sichtbar, dass Mathe immer noch ein Problem ist. Also sollte er sich testen lassen. Er ließ sich testen und musste sich anhören: „Sie haben eine Dyskalkulie! Sie werden Mathe nie können. Geben Sie das Studium auf, denn Sie schaffen es nicht!“

Warum sollen sich Menschen testen lassen?

Ich fragte mich sofort: Warum schickt man die Menschen zu einem Test?

Um ihm zu sagen, dass er dumm ist?

Um ihn von seinen Zielen abzubringen?

Um ihm einen Stempel zu geben?

Um ihn völlig zu entmutigen, zu entwürdigen?

Es zieht sich durch das ganze Leben

Ihm wurde immer nur gesagt, dass er es nicht könne und dass er lieber etwas anderes machen solle, denn die Begabungen liegen im sprachlichen Bereich. So gab er sich natürlich auf. Irgendwann wusste er, dass er in Mathe dumm und blöd ist und es keine Hoffnung gibt.

Aber nein! Nun hatte er diese Option nicht mehr! Aufgeben geht jetzt nicht mehr. Die Firma möchte übernommen, weitergeführt werden!

Das Internet macht es möglich

Über ein paar Umwege und eine Empfehlung fand er mich. Ich arbeite mit Erwachsenen auch über Internet. Das funktioniert sehr gut.

Und die Erfolge sind beeindruckend

Jetzt arbeiten wir seit ein paar Wochen miteinander und wir sind schon so weit gekommen. Rechnen ist gar nicht so schlimm, stellte er inzwischen fest.

Ich verstehe es einfach nicht!

Warum schaffte es niemand, ihm Mathe beizubringen? Einfach ganz von vorne anzufangen und Schritt für Schritt das Rechnen zu lehren?

Bitte, bitte schreiben Sie sich nicht ab! Es hat immer Gründe, warum es nicht geklappt hat. Aber – jeder kann es noch lernen!

Ich habe inzwischen vielen Erwachsenen geholfen, die nicht richtig Schreiben oder Rechnen konnten. Sie haben mir gesagt, dass das ihr Leben verändert und verändert hat! Mein ältester Schüler war übrigens schon 52 Jahre alt!

Wenn Sie mal schauen möchten, wie so ein Onlinetraining funktioniert, dann schauen Sie bitte hier mal rein:

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Ich entwickelte eigene Lernmaterialien, viele Lernspiele und ein eigenes Lern-System, das SINN-System.

Es ist ein offenes System, denn es kann immer wieder mit Neuem bereichert werden. Ich lerne immer wieder Neues dazu – wir alle lernen unser ganzes Leben lang.

SINN

S wie Selbstbewusstsein – durch Lernerfolg, Spaß und ernst genommen werden

I wie individuell – jeder Schüler geht seinen eigenen Lernweg

N wie nachhaltig – durch das Lernen von Strategien, Regeln und stete Wiederholung

N wie – NICHT MECKERN!

 

Die Autorin über sich:

Ich bin eine betroffene Mutter. Als meine Tochter in die Schule kam, stellten sich bereits nach 2 Wochen große Probleme in Deutsch und Mathe ein. Ein Leidensweg begann, auf dem ich viele Jahre nach Hilfe und Unterstützung suchte. Ich las alles, was es zu dem Thema gab und besuchte Fortbildungen für Lehrer, obwohl ich keine Lehrerin war. Als meine Tochter die 10. Klasse besuchte, war ich arbeitslos, aber angefüllt mit Wissen über die Lese-Rechtschreib- und Rechenschwäche. Ich beschritt einen neuen Weg – studierte Psychologie und wurde über ein Fernstudium Legasthenietrainerin. Seit 2003 war ich in Berlin selbstständig und betreute bis 2016 zuletzt 98 Schüler in zwei Praxen. Dabei unterstützten mich eine Angestellte und 9 Honorarkräfte. Seit 3 Jahren lebe und arbeite ich in Paderborn.

Seit 2 Jahren führe ich jedes Jahr einen Onlinekongress zu diesen Themen durch – den LRS-Kongress.

Du hast Fragen rund um das Lernen mit Kindern? Wie übe ich mit meinem Kind und wie finde ich die Wurzel des Problems heraus? In meiner Gruppe kannst Du diese Fragen stellen!

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