Die freie Wahl des Lernortes – ein Plädoyer für Bildungspflicht statt Schulgebäudeanwesenheitswahn.

von | Mrz 7, 2021 | Bildungspflicht, Lernen, Motivation

Wie wäre es, mal laut über Lernorte und Bildungspflicht nachzudenken?
Tun wir das doch mal.

Wo lernst Du am besten? An, auf, unter oder neben dem Schreibtisch?
Drinnen oder draußen?
Im Wohn- Ess, Schlaf oder Arbeitszimmer?
In der Bücherei oder zuhause oder in einem Lerngebäude?

In diesem Beitrag geht es darum, dass ich mir wünsche, jeder dürfte seinen Lernort mitbestimmen. Legal und ohne Sonderling zu sein. Einfach, weil jeder Mensch irgendwie anders lernt.

Neues Konzept oder alter Hut?

Für Erwachsene ist das schon lange möglich. Die Fernuni Hagen gibt es gefühlt schon mein ganzes Leben.

Inzwischen kann man nicht nur Schulabschlüsse über Fernausbildungen machen auch Zusatzqualifikationen und ganze Ausbildungen sind über diverse Fernakademien möglich.

Studentenleben war Freiheit – auch wegen der Option einfach nicht hinzugehen

Mein erstes Studium habe ich trotz Universitätsgebäude im Laufe der Jahre immer mehr zuhause absolviert. Ich war kein Typ für langweilige Vorlesungen. Als Studentin hatte ich eine Wahl – es gab nicht immer Anwesenheitspflicht. So konnte ich mich entscheiden, um welche
Uhrzeit und auf welche Art und Weise ich an das Wissen für die Prüfung gekommen bin.

Das führte allgemein dazu, dass im Hauptstudium einige Vorlesungen ziemlich leer, andere deutlich gefüllt waren. Ich gebe zu, diverse Praktika wären im Heimlabor nicht ganz optimal durchführbar gewesen – es ist schon sinnvoll, als Chemiker am Abzug zu arbeiten, den nun mal nicht jeder zuhause hat. Es ist auch hilfreich, wenn man ein echtes Rollenmodell hat, das einem zeigt, wie man mit Gasflaschen umgeht. Und natürlich möchten die meisten von uns mit anderen Menschen zusammen lernen und leben.

Vor allem dann, wenn sie sich aussuchen können, mit wem.

Aber ob ich technische Chemie aus dem Lehrbuch oder von schlechten Overheadfolien in mein Gehirn transportiert habe, ist nun wirklich grad wurscht.

Rückmeldung an die Lehrer über die Qualität der Lehre

Das hat natürlich zwei Komponenten: Die Qualität der Lehre (es gab auch echt gute Vorlesungen, und die waren befüllt) und die Neigung der Menschen, wie sie gut lernen. (Und eventuell das Schlafbedürfnis nach interessanten Abendenden. Hach. Ich muss gestehen, war ne nette Zeit damals. Freiheit.)

Warum ich mein Fernstudium so genossen habe

Als ich dann meinen Job hatte und mir in den Kopf gesetzt habe, das Studium dafür nachzuholen (2000, Jahr der Informatiker, ihr erinnert euch vielleicht – Chemiker waren eher weniger gefragt, aber als Informatiker wurde quasi jeder eingestellt), konnte ich das dank der
Wilhem Büchner Fernuni ganz bequem neben Job und dann neben meinem ersten Kind und Job in meinem Tempo unter einen Hut bekommen.

Wie praktisch war das. Lernen wann und wie ich wollte, in meinem Tempo. Tests wurden mehrmals im Jahr angeboten, angemeldet, hingefahren, zack – erledigt. Noch heute sprechen Mann und Kind Nummer 1 von den Zoobesuchen und Darmstadt.

Auch meine Ausbildung zur integrativen Lerntherapeutin habe ich größtenteils online gemacht. Ich hatte 3 Kinder und einen Job (ich war da bereits selbständig). Zu Präsenzseminaren habe ich sie einfach alle mitgeschleppt, denn ein Stillkind war immer vorhanden. Naja, die hatten dann ihren Spaß tagsüber in Münster und Umgebung, ich habe gelernt und am Abend haben wir gemeinsam die Stadt unsicher gemacht.

Unsere Kinder sind genauso unterschiedlich wie wir

Menschen sind unterschiedlich. Nicht jeder ist ein dauerhaftes Herdentier, nicht jeder mag mit 30 ihm zugewiesenen Menschen in einem Raum lernen. Nicht jeder lernt gut in dem Tempo, dass von außen vorgegeben wird, nicht jeder kommt gut mit Prüfungssituationen klar. Manche Menschen lernen gerne in Projekten und großen Portionen, damit sie sich auf ein Thema konzentrieren können und das in die Tiefe verstehen. Andere wiederum saugen gerne von allem ein bisschen auf. Manche lernen mit allen Sinnen, andere aus Büchern, oder über den Audiokanal, andere von Menschen aus der Praxis oder lieber mehr Theorie.

Ja, aber geht es denn überhaupt anders?

Nun haben wir haben wir aber gelernt, dass es rein praktisch sehr wohl gut geht. Die Pandemie hat nicht nur die Schwachstellen unseres Systems gezeigt, sie hat uns auch gezeigt, was möglich ist.

Eine Liste möglicher Lösungen

Raus aus der „Haben wir schon immer gemacht“ Falle sollte das bedeuten:
Auch Kinder müssen die Freiheit haben, ihren Lernort auszusuchen. Und auch die Methoden. Es wäre so einfach:

  • Fernschulen, für die, die gerne eine Struktur haben, Lehrstoff von qualifizierten Menschen vermittelt bekommen möchten, aber keine Herdentiere sind.
    Echter Unterricht über Videokonferenz, dass sowohl Konzepte als auch Methoden dafür inzwischen erprobt und vorhanden sind, ist ein Segen.
  • Fernunterricht per Unterlagen zum Selbstlernen, für alle, die das gerne ohne oder mit dosiertem Einsatz von Lehrkräften durchziehen. Für Gernealleinlerner,
    sichDieZeitEinteiler, InProjektenLerner
  • Schulen, in denen Kinder in einem Mix aus Präsenz und Ferne entscheiden dürfen, ob sie im Klassenzimmer sitzen oder als Teil der Klassengemeinschaft von zuhause in den Unterricht
    geschaltet werden, weil sie vorübergehend besser zuhause lernen.
  • Schulen, in denen Kinder nach ihrem Tempo lernen können, Leistungsnachweise ablegen dürfen, wenn sie soweit sind und nicht die Klasse soweit zu sein hat. Schulen, die individuelles
    lernen ermöglichen.
  • Schulen, die so weiter machen wie bisher, denn auch dieses System ist nicht für alle schlecht.
  • Homeschooling – für alle die, die komplett selbst bestimmt lernen wollen und dann eben immer mal wieder mittels Zwischenprüfungen nachweisen, dass sie das auch tun.

Erprobte Modelle gibt es – nur für Sonderfälle

Es gibt sie schon, solche Schulen. Homeschooling kann man in Deutschland machen, wenn man so weit ab vom System ist, dass man ausgeschult wird. Huiuiui! Das gibt es auch, man muss nur quer genug sein, dann gibt das Schulsystem auf. Aber um welchen Preis.

Es gibt Schulen, die Schüler in den Unterricht streamen. Das ist sogar auch im Normalfall, also ohne Pandemie, unter bestimmten Bedingungen zulässig.

Es gibt Fernschulen, für deutsche Kinder im Ausland, die Lernmaterial versenden, die Rücksendungen bewerten und den Kindern Rückmeldungen geben. Als Beispiel sei die deutsche Fernschule für den Grundschulbereich genannt.

Es gibt Schulen, die Kinder in Deutschland per Fernunterricht unterrichten: Die Flex-Fernschule und die Web-individualschule. Um diese Schulen besuchen zu können, muss das Kind leider auch wieder aus dem System ausscheiden und nach 35 a krankgeschrieben sein.

Für ältere Kinder ab 17 Jahren gibt es auch online-Gymnasien, Abendschulunterricht und andere Lösungen. Leider oft privat und teuer.

Es gibt viele Schulen, die anders Lernen möglich machen – in der Regel auch wieder privat, nicht für jeden Geldbeutel und nicht um jede Ecke.

De facto haben die Kinder heute also nicht wirklich eine Wahl.

Bildungungspflicht und echte Wahl – Traum oder Notwendigkeit?

Wie wäre es, eine echte Wahl zu haben? Bildung ist wichtig, keine Frage. Bildungsfreiheit wäre eine große Errungenschaft. Bildungspflicht ein erster Schritt dahin – vor allem ein großer Schritt aus der unsäglichen Schulgebäudeanwesenheitspflicht heraus.

Aus meiner Sicht ist die Freiheit der Bildung, darunter auch die Wahl des Ortes und der Art der Vermittlung, eine direkte Folge aus der Forderung der UN-Behindertenkonvention. Unter der Annahme, dass wir alle Inklusionsmenschen sind, denn Inklusion unterscheidet eben nicht zwischen Menschen mit und ohne Behinderung, muss diese Wahlfreiheit für alle gelten, egal aus welchen Gründen.

Stell Dir vor, es gäbe eine Wahl und Regelschulen wären so attraktiv, dass sie trotzdem besucht würden. Es gäbe Lernorte für alle, ohne Stigmatisierung und ohne Bürokratie. Einfach, weil es möglich ist.

Was würdest Du wählen, wenn Du eine echte Wahl hättest?

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